Epiphanie der Venus

Es ist noch früh, offiziell macht das King Size erst in ner halben Stunde auf. Sie fegt durch die Eingangstür, in der Hand hält sie ihr smartphone, auf dem Bildschirm läuft ein Film weiter. 

„Frankie!“, kreischt sie. „Hast du die Bilder gesehen? Hast du DIESE Bilder gesehen?“ 

Er läuft auf sie zu. 

„Ja, hab’ ich.“ 

Er nimmt sie in den Arm, so wie er es immer tut, wenn sie sich begrüßen. Aber heute noch ein bisschen länger, tiefer, fester. Gemeinsam atmen sie das Universum aus und wieder ein. 

„Der Krieg ist vorbei! Es ist doch kaum zu fassen!“ ruft sie laut, sehr laut. 

„Dieser scheiß Krieg geht jetzt endlich vorbei! Ich hab’ es dir doch gesagt: Irgendwann geht jeder Krieg vorbei.“ 

Sie schreit vor Glück. Er nimmt sie in den Arm. 

„Und wir haben es antizipiert.“ 

Sie staunen beide. 

„Aber wenn’s dann wirklich soweit ist, so wie jetzt, dann ist das doch echt nochmal voll aquerò.“

Sie springt ihm auf seine bullenstarken Schultern. 

„Und hast du unsere Mitglieder-Zahlen schon gesehen? Jedes Mal wenn ich nachschaue sind es wieder tausende und tausende mehr. So muss sich Marc Zuckerberg gefühlt haben! Mann, das ist doch vollkommen irre! Das musst du dir anschauen!“ 

Sie hält ihm von oben ihr smartphone vor die Nase. Auf dem Bildschirm liegt eine Weltkarte. An wichtigen Knotenpunkten zeigt das Programm Einzelstatistiken an, die kontinuierlich die downloads zählen. 

„Da sind sie – unsere neuen Freunde!“ 

Sie klopft mit dem Zeigefinger auf den Bildschirm. 

„Überall! Überall! Like lava!“

„Natürlich sind die transnationals überall“, sagt Frankie nüchtern. „Das ist schließlich ihre Logik.“ 

„Ihre fortpflanzungs-friedliche Logik!!“ 

Frankie lächelt. Seine Haut ist jetzt in einen buddhistischen Glanz getaucht. Der DJ schmeißt die Boxen an. 

„Ja, tanzen!“ schreit sie. Frankie dreht sie im Kreis, bis ihr schwindelig wird, dann setzt er ihren Hintern auf dem Tresen ab. Sie stellt die Füße auf den Hocker und nimmt sein Gesicht in beide Hände: 

„Du, das ist jetzt wie beim Wettlauf zwischen dem Hasen und der Schildkröte – jetzt, wo der Frieden kommt, sind wir halt schon da!“ 

Sie gibt ihm einen Kuss auf die Stirn.

„Und es war so eine gute Idee von dir durchs darknet zu gehen, wo es nicht anders ging.“

Sie schaut ihm in die Augen, sie blitzen wie die einer Neunjährigen. 

„Du bist die Schildkröte“, flüstert sie.

„Nein du.“

„Du.“ 

Stunden später fließt vor ihr entlang ein Strom aus aneinander gepressten Körpern, hin und wieder ragt ein Hut heraus. Neben ihr küssen sie sich. Sie sitzt erhöht auf dem sideboard, dreht sich zu Frankie, der die Tür bewacht, und ruft zu ihm rüber:

„Und es war RICHTIG, an der Volksbühne dran zu bleiben! Man hat schließlich ein Wörtchen mitzureden! Frankie, wir haben alles richtiggemacht! Die Einspruchsbewegung hat immer alles richtiggemacht – immer.“

Über der Tür klebt ein Sticker mit großen, schwarzen Buchstaben, in Absperrband-Optik und Signalfarbe: 

Wir sind das Demos – ohne uns keine Kratie. 

„Ich geb’s zu: Den slogan hat nicht jeder sofort kapiert, aber ok.“

Frankie lächelt, er mochte den slogan von Anfang an. 

„Das hatten wir schon mal durchgesetzt, das war wichtig! Fürs ganze peace movens, mein ich. Das war doch irgendwie wie seine Geburt, findest du nicht?“ 

Er nickt. Ihr schwirrt der Kopf. Sie flüstert:

„Also ist die Volksbühne die Schildkröte.“

Ihr Blick verweilt auf der Diskokugel, wo das Licht mal wieder Tetris spielt – da spürt sie nach einer Weile, dass dort in der Diskokugel, da drüben im aquerò, wieder lauter bunte, tote Seelen sind, solche, die früher für dieselbe Sache gekämpft haben und JETZT ins Elysium weiterziehen. Doch es bleiben noch genug zurück. Und eine im Speziellen. Stark, dass du uns noch erhalten bleibst… – thanks man! 

 Heaven isn’t everything.

„Klar bleib ich dir noch erhalten“, sagt der Mann neben ihr. „Keine Sorge!“ 

Sie guckt ihn an. Wer ist das? Kennt sie nicht. Braucht sie nicht. Will sie nicht. Sie will zurück zu ihren Exkursions-Seelen! Will zurück zu ihrem Ba! 

Doch der fremde Mann redet einfach weiter. Er kann es jetzt nicht lassen. Seine Virilität hat einen Pegel erreicht, dass es ihm schon aus den Ohren spritzt, diese Berliner Frauen machen aber auch alles möglich!

Die anderen Männer beobachten ihn. Sie harren auf sein Versagen bei der hübschen Frau. Er spürt ihre Blicke wie Pfeile in den Knien, wer sich jetzt nicht aufplustert, hat die Evolution nicht verstanden! Also plustert er sich auf und will sie mit irgendwas beeindrucken, was sie nicht mal akustisch versteht. Dafür müsste sie sich zu ihm vorbeugen. Da hat sie aber gar kein Bock drauf.

Das könnte nur falsche Signale setzen, eventuell einen Übergriff einleiten, wenn sie den Typen dann später nicht mehr los wird. Und auf nen Übergriff? Ne ne ne …. auf nen Drink? Da hat sie schon mehr Bock drauf. 

Oder gleich nochmal…? Sie lässt ihren Blick schweifen. 

“Die Mädels sind ja auch noch da.“ 

Aber jetzt redet der Typ ja schon wieder mit ihr! Dabei antwortet sie doch schon gar nicht mehr! War ja klar: Jetzt spielt er den Beleidigten und wirkt dabei ein bisschen unsympathisch und ein bisschen bedrohlich. 

„Keine Sorge, Süßer“ sagt sie. „Du wirst in deinem Leben noch so viel ficken dürfen! Mach es, genieß es! Aber nicht mit mir. Nein heißt Nein. Akzeptier ’s einfach!“ 

Er schaut sie erschrocken an. Wirklich abgetörnt ist er aber dennoch nicht, schließlich hat er das Wort ficken gehört und ‚ficken sagen’ hat nun mal die Wirkung eines imaginierten Steins, der in eine imaginierte Scheibe fliegt. 

„Vergiss es!“ 

Er macht Hundeaugen.

„Das wird nichts mit uns und jetzt möchte ich dich bitten, dass du dich woanders hinstellst.“

Sie schaut zu Frankie. Er schaut zu Frankie. Und geht. Geht doch, denkt Frankie und klimpert noch ein bisschen weiter mit den Augen. 

Als sich der Abend dem Ende neigt, trifft sie doch noch auf einen echten Rekruten. Sie stehen zusammen an der Bar. Sie stehen bei den Jacken. Zwischen den Jacken. Seine Lippen schmecken nach türkisenem Wasser und Meereskristallen. 

„Und du bist also die, die diese Partei gegründet hat?“. 

Sie liegt in seinen Armen.

„Die transnationals sind keine Partei“, summt sie, „obwohl sie sich auch als Partei gründen können, klar, zumindest dort, wo Parteiengründungen ok sind. Von der Sache her sind die transnationals aber eher eine Bewegung und die Bewegung ist eine app.“

„Aber wie kannst du denn jetzt wissen, wer sich da jetzt alles einloggt?! Das kann man doch gar nicht mehr kontrollieren.“

„Muss man auch nicht. Es erzieht sich von selbst – genau wie bei airbnb.“ 

„Aber was soll das bringen?“

„Stell dir mal vor, du stehst an der Mauer in Jerusalem und erzählst dir, hinter der Mauer seien nur noch Feinde! Und dann kannst du deine app anmachen und sagen: Stimmt nicht. Da, da und da, innerhalb meines digitalen clusterings, aber auf der anderen Seite der Staatsgrenze, gibt es Leute, die denken genauso wie ich. Das sind also schon mal keine Feinde.“ 

Er schaut sie halb ent-, halb begeistert an, aber es leuchtet ihm ein. 

„Und wie, sagst du, sollen jetzt all diese transnationals…, warte mal, wie viele Arten gibt es davon schon, meinst du: transnationale, transreligiöse, transkulturelle, -formative, -linguale, -musikale, -figurative, -sexuelle, etc., und das alles wegen der Digitalisierung? Wegen dem Neuland? Ja, und natürlich wegen dem Supermond.“

Während er spricht, läuft ihr ein Schauer über den Rücken. Ihr Rücken mag wie er denkt. 

„Weil wir alle so viel gemeinsam haben, weißt du?“ 

Sie schnipst mit dem Finger gegen seine Nasenspitze. 

„Ein größeres Gemeinsames als ein Nicht-Gemeinsames. Universalgeschichte halt, ist ja auch nix Neues.“

Doch er will sich jetzt nicht küssen lassen. Stattdessen starrt er die Luft an und setzt eine Hochrechnung auf, wie viele Profile die app morgen runtergeladen haben werden. Und wieder hunderte, nein tausende Bilder mehr von ihren Friedensbegegnungen gepostet haben werden. Ein den Globus umspannendes Netz aus individuellen Subjekten, die sich unter einem brave new world-Transpi zusammenfinden. Und plötzlich als Friedenspioniere politisches Gewicht erlangen! Jetzt schwirrt ihm der Kopf. 

„Ist ja echt wie bei Zuckerberg!“

„Du bist auch so ein Zuckerberg“, flötet sie ihm feucht ins Ohr, denn sie spürt, dass die Muschel in ihr aufgesprungen sein muss und Liquides verspritzt, das jetzt in ihr Höschen fließt. Er schiebt seine Hand in ihren Hosenbund, gleichzeitig bewegt sich die Schlange in ihrem Beckenboden um zwei Zentimeter. 

Die Sache ist entschieden. Sie gehen zusammen nach Hause und verbringen die nächsten 48 Stunden fast ausschließlich im Bett; indes die Schildkröte wieder beim cherubimen Fuß der Venus angelangt ist und doch niemals weg gewesen war. 

„Epiphanie der Venus“ von Sophie von Maltzahn stammt aus der 2017 erschienenen Anthologie „Nutzloses Gesindel – Geschichten aus dem King Size“. Bisher aus diesem Buch hier erschienen sind „Das trunkene Schiff“ von Udo Tietz, „King Size III.“ von Julia Schramm,„Ich hab es nie gefühlt – Über eine Liebesgeschichte, die keine wurde“ von Daniela Wilmer und „Church“ von Constantin Klemm.

Sophie von Maltzahn, geboren 1984, studierte Betriebswirtschaft, Kunstgeschichte und Ägyptologie und schrieb als freie Mitarbeiterin für Die Welt und die Berliner Morgenpost. Sie war Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und führte den Blog Ding und Dinglichkeit.

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