Dicht an dicht

Exzess hat nicht immer etwas mit Qualität und Umfang zu tun. Vielmehr geht es um Vielfalt und Variation. Doch dazu bedarf es Liebe zum Detail, etwas Risikobereitschaft und vielleicht ein bisschen Verlorenheit. Oder eben extreme Langeweile. Abhilfe schaffen Orte, denen diese Befindlichkeiten egal sind. Im besten Fall werden diese Orte zu eine Art Freund und die Menschen, die du an diesem Ort triffst, zu Freunden. Soziale Netzwerke leben von diesem Mechanismus. 

Doch das Leben abseits des Digitalen ist natürlich anders. Es ist voll von Schweiß und schlechtem Atem, alkoholgeschwängerter Luft und dem Duft von edlem Parfum. Voll von Ellenbogen und Absätzen, Bodenschwellen, niedrigen Durchgängen und Toiletten, die in ihrer Einsicht jeden Einblick gewähren. Das reale Leben ist laut und basslastig, kratzend in den Höhen und treibend im Beat. Es ist schlecht und gut gekleidet und manchmal ist das eine genau das andere. Es ist dunkel und hell, düster und bunt, ein Blick hier, ein Lachen da, eine Hand, die dich berührt, fast beiläufig. Du bist kurz irritiert. Souveränität hat noch nie wirklich weitergeholfen. Souveränität bedeutet Chancen zu verpassen. 

Warum bist du hier? Menschen suchen Anschluss. Besonders jene, die sich sonst den Anstrich geben, Anschluss peinlichst zu vermeiden. Hier sind wir. Nicht nachdenken. Keiner verlangt das von dir. Maurice reicht mir ein Bier über den Tresen. Ich drücke mich an der Bar entlang, über die kleine Tanzfläche zu dem kleinen Durchgang in den länglichen Raum, der mich mit seinen links und recht an der Wand entlang platzierten Bänken an die Umkleide meiner Grundschule erinnert. Währenddessen noch ein kurzes Nicken, ein Abklatschen oder inniges Umarmen des DJs, dann mal schauen was hinten so los ist.

Über einen Ort, der sich im Laufe der Zeit zu etwas entwickelt, das darüber hinausgeht mehr als nur gewöhnliche Kurzweiligkeit und Wohlbefinden in einem auszulösen, fällt es zuweilen schwer zu schreiben. Manchmal finden die Nacht, Gespräche, der Beat, ein Blick oder ein Kuss in einem Text wie von selbst ihre Fortsetzung. Doch in diesem Fall ist es anders. Es ist ein bisschen wie fremden Menschen zu erzählen, auf welche Art und Weise man sexuell Befriedigung findet. Oder überhaupt. Plötzlich stellst du fest, dass sich die Sprache ändert, die Schreibe, die Tonalität. Als würde das Unterbewußtsein versuchen die Bilder, Momente und Zusammenhänge zu verschlüsseln oder vielmehr zu verschleiern. Doch darum kann es nicht gehen. Es geht auch anders. Ein Text kann eine Verpflichtung sein. 

Der ganzen Beziehung zu solch einem Ort, und ganz speziell dem Beginn einer solchen, wohnt etwas eigenwillig und höchst persönlich intimes inne, das jeden, der sich irgendwann entscheidet, eine dieser heiligen Banden zu schließen, mit immer wiederkehrenden, aber komplexen Situationen, Aufgaben und sozialen Profilen konfrontiert, so dass man sich irgendwann dafür entscheidet, stets der Einfachheit den Vortritt zu lassen. Du verläßt dich auf die kleinen Rituale, den kurzen Plausch mit Frank an der Tür, den Nigerian­-Style­-Handshake mit Johnny oder den Jägermeister mit der Lieblingsbarfrau. Und auch wenn sich diese Rituale ändern und Menschen kommen und gehen, wird der kleine Raum im Laufe der Zeit immer größer und die Geschichten setzen einander fort oder beginnen neu und die Beiläufigkeiten entwickeln plötzlich Tiefe und überdauern den Moment, überlisten die Nacht und manchmal auch den Ort. 

Dann fällt mir ganz hinten an der Wand dieser Junge mit den Locken auf. Ich habe ihn hie noch nie gesehen. Oder war das er, der vorhin vor mir an Frank vorbei in den Laden huschte? Er hat ein Bier in der Hand, lehnt an der Wand und beobachtet ein Mädchen, das sich eine am Rand der Tanzfläche etwas lustlos zur Musik bewegt. Sie eine wäre gerne ein Model. Vielleicht hält sie sich sogar für eines. Ganz bestimmt sogar. Vielleicht hat ihr das mal jemand gesagt. Unvorsichtigerweise. Absolut verantwortungslos. Vielleicht wollte er sie ficken. Aber er hat etwas anderes in ihr ausgelöst. Das sieht man ihr nicht nur an der Nasenspitze an. Die fatale Selbsteinschätzung zeigt sich noch mehr am Outfit. Die andere direkt daneben, die so halbseiten auf dem Barhocker fläzt, das ist ein Model. Paris, Mailand, New York. Ihre Attitude verlangt einen zweiten Blick. Sie ist kein Model. Nicht hier. Nicht jetzt. Eigentlich wollte sie das auch nie sein. Die noch frische, sich im Begriff zu evaluierende Selbsterfahrung läßt darauf schließen, dass sie die Wahrheit sagt. Die arrogante Zurückhaltung. Die offensive Bescheidenheit. Hier kennt man sich damit aus. Es gibt Menschen, die versuchen stetig Teil von etwas zu sein. Andere sind es. Ich kenne Menschen, die haben sich über Jahre in Bars einfach festgesessen und gehören irgendwann wie selbstverständlich zum Inventar. Meistens ist es Masche. Manchmal Liebe. 

Doch es ist ein schmales Grat zwischen dem spielen einer Rolle und dem Aufsetzen eines zweiten Ichs. An Orten wie dem King Size wird das in erschreckendem Ausmaße deutlich. Die verzweifelten Bemühungen, die sich in Anstrengung verlieren. Der immer gut­gelaunte Sunnyboy, bei dem keiner weiß war er eigentlich macht. Vielleicht Model. Oder Muse. Praktikantin bei einer Agentur oder Azubi bei einer Firma für Production Design. Hier sind sie in all ihren Variationen präsent. Die up­coming und die etablierte Prominenz, die Kaputten und die Unkaputtbaren, die Blender und jene, die leuchten. 

Der Junge mit den Locken steht jetzt draußen vor dem großen Schaufenster mit dem goldenen King­-Size ­Schriftzug und unterhält sich mit ein paar bekannten Gesichtern. Er sieht gut aus. Er weiß das. Doch es ist ihm egal. Er ist nicht auf der Suche. Jungs wie er finden immer. Er hat eine Geschichte und er wird sie erzählen. In nicht mehr als einer Stunde wird er mit einem Mädchen zu ihr nach Hause fahren. Frank wird es wissen und nicht vergessen. Als sie gehen, lächelt er die beiden bedeutungsschwanger an, gibt dem Mädchen Küsschen links und rechts, man kennt sich. Dann ruft er dem Jungen hinterher: “Wie heißt du eigentlich?”

„Dicht an dicht“ von Johannes Finke stammt aus der 2017 erschienenen und vergriffenen Anthologie „Nutzloses Gesindel – Geschichten aus dem King Size“. Bisher aus diesem Buch hier erschienen sind „Das trunkene Schiff“ von Udo Tietz, „King Size III.“ von Julia Schramm,„Ich hab es nie gefühlt – Über eine Liebesgeschichte, die keine wurde“ von Daniela Wilmer, „Church“ von Constantin Klemm und Epiphanie der Venus von Sophie von Maltzahn.

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