King Size III.

Ihr langes Bein ist in die Luft gestreckt. Sie trägt Netzstrümpfe und eine Art Bikini. Die Schuhe sind aus Lack, die Fingernägel sichtbar künstlich und die Haare so blond, dass sie durch die dicken Rauchschwaden glitzern. Sie sind sehr lang. Ihr Bein ist über die Schulter eines Mannes gestreckt, er umarmt ihren Po und guckt sie bewundernd an. Ich kenne ihn, er wollte mich mal heiraten. Bei unserem ersten Kennenlernen. Auch wenn er nur gefragt hat, weil er wusste, dass ich Nein sage. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Bis jetzt. Er produziert irgendwas. Immer. Er ist ein schöner Mann. Die Frau mit der er jetzt da ist, ist so anders als ich, dass ich nicht weggucken kann. Stören tut es mich nicht. Wir haben uns nichtmal geküsst damals. Aber ich fühlte mich geschmeichelt. Fühle es immer noch. Er sieht mich nicht, aber ich will ihn auch nicht stören, ich will vielmehr die Frau und ihn beobachten. Sie sieht aus wie eine sehr erfolgreiche Pornodarstellerin. So eine, die eigentlich nur noch ihren Namen auf Sexspielzeug druckt, weil ihre Pornos so legendär sind, dass sie keine mehr zu drehen braucht. Es hat etwas majestätisches, wie sie da auf dieser abgeranzten Holzbank mitten in Berlin sitzt und ihr Bein in die Luft gestreckt hat. Ihr Make-up sitzt perfekt. Sie strahlt. Mehr als alle anderen in dieser Szenekneipe, über die in der BILD gerne geschrieben wird. Es ist früh. Bald geht die Sonne auf und der Schnee im April liegt so hoch, wie er das nicht tun sollte. Aber noch ist das egal, denn Jetzt gehört der dunkelsten Stunde der Nacht bevor es hell wird. 

In all diesem Trubel aus den unterschiedlichsten Menschen gibt es eine seltsame Form der Ruhe und des Friedens.

Ich bin nicht nüchtern, aber ich tanze auch nicht. Dabei ist die Stimmung so ausgelassen. Vorne auf dem Tresen tanzen sehr junge Frauen und manche zeigen ihre Brüste. Andere stehen im Anzug an der Bar. Männer gibt es auch. Viele heißen Constantin. Oder Robert. Ich gehe nicht ihretwegen in diese Bar. Meistens aus Zufall. Meistens als Letztes. In all diesem Trubel aus den unterschiedlichsten Menschen gibt es eine seltsame Form der Ruhe und des Friedens. Irgendwie sind alle in Berlin, alle in dieser Bar, alle machen was mit Medien und Politik oder so einem Zeug. Glücksrittertum mit Smartphone. Und hinter jeder Fassade stecken Abgründe und leere Träume, die in dieser kleinen ranzigen Szenebar Platz haben. 

Viele von den Menschen will ich gar nicht kennen, denke ich oft. Ich will sie beobachten, verstehen, sehen. Ihre Abgründe zu einer Geschichte in meinem Kopf zusammensetzen. Egal ob sie wahr ist oder nicht. Ich will ihre Fassade beurteilen, ohne dass sie es merken, ich will sie nicht verurteilen, darum geht es nicht. Im Zweifel sind sie so fertig wie ich, die unter der Woche kurz vor Morgengrauen in dieser Bar rumhängt. Dennoch komme ich mit einem Mann ins Gespräch, der sich neben mich auf die ranzige Bank setzt. Er ist Investmentbanker oder so etwas. Wohlhabende Familie. Frederick vielleicht? Irgendwas adeliges? Aufjedenfall hängt er in der Start-Up Szene Berlins rum und war auch schon auf so einer Forbes-Liste. Aber nicht nur, weil er einen Teil der Redaktion kennt, versichert er mir mit einem Augenzwinkern. Wir unterhalten uns über Angela Merkel und Antisemitismus. Wir haben ähnliche Meinungen, einen ähnlichen Humor. Wir haben einander auch angekündigt, dass wir politisch auf der jeweils anderen Seite stehen, so ganz melodramatisch, als wären wir in den 20er Jahren. Ich die Sozialistin, er der Konservative. Und wir gefallen uns in dieser pathetischen Rolle. Denn tatsächlich trafen auf der Friedrichstraße schon während der Weimarer Republik die Gegensätze aufeinander. Der Wintergarten des Central-Hotels, die Kinos, die Revues und Geschäfte, die Schönen und Reichen, ebenso wie die Armen und Aufstrebenden, die Glücksritter. Alles unmittelbar nebeneinander, gedrängt, aufgereiht auf einer langen Straße, die von Unter den Linden geteilt wird. Der Norden ist schon in den 20ern der verruchtere Teil, mit Nacktbars und dergleichen. Ein paar Schritte weiter nördlich vom King Size liegt die Torstraße – die hippe Szenestraße die zum Hipstermekka des Rosenthaler Platzes führt. Geht man vom King Size Richtung Süden sieht man irgendwann den Reichstag, trifft auf die teuren Designerläden und das Reichenghetto an der Leipziger Straße. Das Oranienburger Tor, also die U-Bahnhaltestelle direkt gegenüber des King Size, verbindet den wilden Teil der Friedrichstraße mit dem politischen und etablierten. Über dem Eingang des Kingsize steht “Traditions – Restauration”. 

Ich zitiere Joseph Goebbels, der Berlin als “entsetzliche Steinwüste mit Parfüm und Frauenfleisch” bezeichnete und das “bürgerlich-weibliche Lebenssystem des Urbanismus” zum Feind erklärte.

Der Investmentbanker und ich plaudern weiter. Über die Machtergreifung der Nazis und ob es Parallelen zu heute gibt. Wir sprechen über die Bücherverbrennung, die gar nicht so weit von hier stattfand. Und darüber, dass der Marsch auf Berlin vor allem auch ein kultureller war. Eine Kampfansage gegen das, wofür Berlin stand und heute auch wieder steht: Vielfalt, Freiheit, Fortschritt, Veränderung, Moderne. Ich zitiere Joseph Goebbels, der Berlin als “entsetzliche Steinwüste mit Parfüm und Frauenfleisch” bezeichnete und das “bürgerlich-weibliche Lebenssystem des Urbanismus” zum Feind erklärte. Das habe ich in einem Buch über Berlin zwischen 1933 und 1945 gelesen, dass ein Historiker der Humboldt Universität herausgegeben hat. Der Investmentbanker stimmt mir verhalten zu. Er fühlt sich angegriffen, weil er selbst nicht so der Feminist ist, zumindest wirkt es so. Habe ich ihn gerade mit Goebbels verglichen? Eigentlich nicht, aber nun ja, das muss er selbst wissen. Das Gespräch neigt sich dem Ende zu, das spüre ich und ich behaupte auf Toilette zu müssen. Die Schlange ist so lang und die Leute so ausgiebig auf dem Klo, bis dahin hat der Investmentbanker sich bestimmt in der klebrigen Menschenmasse aufgelöst. 

Der Produzent und seine Pornofrau sind mittlerweile weg und ich denke, dass es eigentlich langsam auch mal Zeit wäre. Ich greife also meine Jacke, die ich irgendwo in eine Ecke geknäult habe und dränge mich durch die Masse, die an der Bar steht und ein Getränk möchte. Da erblicke ich auf dem Sofa neben der Eingangstür eine Freundin. Große Freude, Umarmung. Natürlich ist sie hier. Sie ist immer hier und sie sitzt eigentlich immer auf diesem Sofa. Es ist der beste Platz. Sie ist mit dem Türsteher Frank befreundet, der uns Champagner ausgibt. Langsam schimmert das Morgengrauen durch das große Fenster über der Couch, auf dem King Size steht und das immer beschlagen ist. Meine Freundin und ich unterhalten uns ganz ernsthaft über das Leben, über zerbrochene Liebschaften und warum genau ich nochmal eine Linke bin. Meine Freundin ist liberal, eher so FDP, sagt sie. Freiheit, Markt, sowas halt. Ich versuche nicht lange ihr meine Sicht zu erklären. Auch, weil man immer ein bisschen schreien muss im King Size. Noch eine Runde Champagner und langsam wird es richtig hell. Wir sind gerade dabei ihre letzte Beziehung aufzuarbeiten, als der Investmentbanker aus der Tür torkelt. Ich werfe einen Blick durch das Fenster und gucke ihn an. Er sieht mich nicht und steigt benommen in ein Taxi Richtung Süden. Alles verliert sich langsam, die Taxen drängen sich vor der Bar, sie wissen, dass da jetzt Kundschaft zu holen ist. Meine Freundin dreht nochmal eine Runde, um sich zu verabschieden, um noch mit dieser einen Person zu reden und mit jener. Sie kannte den Investmentbanker sogar. Aber seinen Namen will ich gar nicht wissen, ich will mich lieber daran erinnern, was ich glaube, wer er ist. 

Mit dem letzten Schluck Champagner entscheide ich nun endgültig zu gehen, das Sofa zu verlassen. Ich schnappe meine Tasche von der kleinen Ablage zwischen Sofa und Fensterscheibe und male auf das beschlagene Fenster Hammer und Sichel. Dann steige ich in eines der Taxen vor der Tür und fahre Richtung Norden. Über die Torstraße und den Rosenthaler Platz nach Friedrichshain zur Karl-Marx-Allee, die früher mal Stalinallee hieß. Das ist meine letzte Station. So wie das King Size es eben auch ist. 

„King Size III.“ von Julia Schramm stammt aus der 2017 erschienenen Anthologie „Nutzloses Gesindel – Geschichten aus dem King Size“. Bisher aus diesem Buch hier erschienen ist „Das trunkene Schiff“ von Udo Tietz.

Julia Schramm lebt in Berlin und bewirbt sich aktuell als Direktkandidatin der Linken für den Bundestag. Auf Twitter ist sie hier zu finden.

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