„Die unheimliche Frau im Spiegel werde ich mir so lange anschauen, bis ich weiß, wer sie ist.“ – „15 Minuten Ruhm“, das literarische Debut von Eden Woldu

Meine neue Strategie: ein fünfzehn Minuten Timer. Ich will den Fluch loswerden. Also schreibe ich jeden Tag. Jeden Tag fünfzehn Minuten. So, jetzt könnte es langsam mal klingeln. Wie lange fünfzehn Minuten sind, weißt du erst, wenn du nichts zu sagen und noch weniger zu schreiben hast.

Eden Woldu wird 1977 in Eritrea geboren und wächst im schwäbischen Schwenningen auf. Mit zwanzig bekommt sie ihr erstes von drei Kindern und zieht nach Stuttgart. Immer wenn sie gerade beruflich Fuß fassen möchte, kommt ein weiteres Kind. Die große Karriere als was-auch-immer bleibt ihrem deutsch-türkisch-schwäbischen Ehemann vorbehalten. Er wird Star-Werber und die Familie zieht 2013 nach Berlin.

Beobachtungen im ICE von Berlin nach Stuttgart: Zweite Klasse. Verspätung. Natürlich reservierter Sitzplatz und immer auf den letzten Drücker, denn ich liebe es, jemanden höflich darum zu bitten, sich von meinem Platz zu verpissen. Gerade dann, wenn die Person sich in der Sicherheit wiegt, der ergatterte Platz bliebe unbesetzt. Und wenn die Person dann noch so aussieht wie Judith Rakers, ist das ein Sechser im Lotto plus Superzahl. Personen wie Judith Rakers fahren aber in der Regel in der Ersten Klasse, mit Sitzplatzgarantie und ohne überfüllte Räume. Eltern von Kleinkindern sind spätestens nach zwei Stunden Zugfahrt an der Grenze ihrer Geduld. Angestrengt sagen sie dann: »Mila bitte. Jonathan nein, das mag ich nicht, das tut mir weh. Emily, sollen wir mal zum Bordbistro gehen? Levi, bist du müde? Kaia, hast du Hunger? Joshua, bald sind wir bei Oma.« Die Kunst ist es, allen ohne Kindern zu demonstrieren, dass es sich um absolute Wunsch kinder handelt, anstrengend ja, genervt niemals! 

Mittlerweile ist Eden gelernte Erzieherin und Arzthelferin und „beim Häuten der Zwiebel für die Bolo ist mir noch was zur beruflichen Situation eingefallen: Ich habe vier Semester an der HdM Bibliothekswesen studiert, ich denke das klingt knackiger. Oder schreib einfach gelernte Fleischfachverkäuferin“. 2018 denkt sie zum ersten Mal darüber nach zu schreiben, als Selbstzweck, Creative Writing, they say! In der Pandemie findet der Text dann erst seinen Weg auf Papier und dann zur ehemaligen, mit Eden befreundeten Herausgeberin des Lautsprecherverlages, Svenja Eckert. Die weiß nach der Lektüre zum Glück was zu tun ist. Der Rest will be history.

Haare. Afrikanische Haare. Asiatische Haare. Europäische Haare. Kurz, lang, lockig, glatt, kraus. Geflochten, geglättet. Keine Haare. Schamhaare, Barthaare, Beinhaare, Brusthaare. Unendlich verschiedene Stylemöglichkeiten für alles und jede Person. Heute war ich beim Frisör. Jetzt trage ich Kunsthaar. Eingeflochten in mein eigenes Haar. Sieht irgendwie scheiße aus. Ich spiele mit dem Gedanken, alles einfach abzurasieren. Dafür habe ich aber noch zu wenig Wein getrunken und die Flasche ist bald leer, es ist nur der Rest von gestern, besser so. Es wurde mir geraten, eine Nacht darüber zu schlafen. Wüsste aber nicht, wie Schlaf eine scheiß Frisur in eine schöne verwandeln könnte?

Eden Woldu, fotografiert von Sarah Berger, Berlin 2022

Es gab zwei Arten von Lehrenden während meiner Schulzeit: die Guten und die Bösen. Bei den Bösen wusste ich immer, was mich erwartet. Bei den Guten wusste ich das nie. Natur ist böse. Time out.

„15 Minuten Ruhm“ von Eden Woldu ist im Juli als zweiter Band der Reihe Eins erschienen und als Print oder E-Book überall im gut-sortierten Buchhandel und natürlich bei uns im Shop erhältlich.

Bisher in Reihe Eins erschienen ist „Bodies of Water“ von Anri Hennies.

Presseanfragen bitte an presse{at}herzstueckverlag.de.

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