Eins für Gott. Eine Feststellung von Philipp Schiemann

Gott ist ein ungünstiges Wort, weil es so biblisch, so veraltet klingt, wie »nicht von dieser Welt«, völlig abstrakt. Ein ganz heikles Thema, ohne Frage. Was mir persönlich dabei widerfuhr, war eine durch und durch irdische Sache. Das ist jetzt, wie gesagt, ganz subjektiv und der Versuch der Erklärung wird sicherlich scheitern. Dennoch: Eins für Gott.

Ich habe in meinem Leben eine einzige, tief religiöse Erfahrung gemacht. Ich habe gesehen: Gott ist die Liebe. Vor meinem geistigen Auge kann ich jetzt allerlei Leute vor mir sehen, die diese Worte belächeln. Lacht nur, das ist nicht schlimm. Damals war ich für einen kurzen Zeitraum angefüllt mit Demut, Mitgefühl und Liebe – das war eine Einheit ohnegleichen. Grenzenloses Erkennen und Verstehen. Liebe – ist alles. Heute ist es alles ganz anders als früher. Nicht das mit Gott, Gott ist immer noch die Liebe. Ich denke, es war viele tausend Jahre früher so, und auch lange nach uns wird es ganz genauso sein. Da bin ich sicher. Es ist die einzige Konstante. Ewig.

Nein. Was heute anders ist, das bin ich. Ich bin nicht mehr so eins wie früher. Und ich war auch nie wieder so glücklich. Ich brannte vor Glück, die Intensität war am Rande des Erträglichen. Mein Verständnis für die Welt und alle Dinge reichte so weit, dass ich mich auf eine Art isoliert fühlte: Ich kannte keinen und konnte auch keinen sehen, der das verstand. Um mich herum war Unsicherheit, Chaos, Irrsinn und schützende falsche Oberfläche. Ich konnte zwar auf jeden Grund sehen, jeden noch so perfekten Schein durchschauen – war aber letztlich sehr einsam. Das war der einzige Umstand, der mein Glück trübte. Möglicherweise war das auch der Grund, aus dem heraus ich mich von meiner tiefen Einsicht verabschiedete. Ich habe mich in der Tat ganz einfach davon verabschiedet. Das muss sich jetzt bestimmt komisch anhören. Wenn ich es so höre, finde ich es selbst komisch. Ich weiß noch: Ich war ziemlich jung, und ich sagte mir:

»Diese Klarheit sollte man als alter Mensch haben. Dieses Wissen kann ich eigentlich noch gar nicht haben. Ich muss erst einmal leben. In den Zirkus des Lebens einsteigen.«

Von da an ließen mein Glücksgefühl und meine Einsicht nach. Einige wesentliche Punkte dieser Erfahrung sind natürlich geblieben, aber das Absolute, das Eins-Sein, das war nicht mehr da.

Heute wünschte ich mir, ich hätte mit dieser eigenartigen »Verabschiedung« noch einige Zeit gewartet. Ich glaube, ich war damals weiter, als ich heute bin. Heute bin ich hasserfüllt. Ich bin hasserfüllt und verbittert. Gib Acht, was du sagst – mein Hass kennt keine Grenzen. Ich glaube, ich gehöre heute zu der Sorte Mensch, die einem anderen, der so fühlt wie ich damals, einfach das Gefühl geben muss, isoliert zu sein. Ich bin heute wie einer von den anderen damals. Genauso isoliert – aber nicht nur von meiner Umwelt, sondern auch von mir selbst. Diese andere Isolation ist ungleich schlimmer als die damalige. Ich lebe gar nicht richtig. Ich bin verwirrt. Nur die wenigsten werden diese Verwirrung sehen können, weil die meisten genauso verwirrt sind wie ich.

Wir denken in unserem kleinen, anmaßenden, auf unseren Vorteil bedachten Kopf tagtäglich in ähnlichen Zirkeln, die üblichen Ziele verfolgend: Wir denken »Wir sind clever« oder »Wir sind korrekt«.

Das Geheimnis ist: Wir sind weder clever noch korrekt. Wir sind am Arsch. Soviel zu Gott.

Philipp Schiemann lebt und schreibt in Düsseldorf. Er ist Autor zahlreicher Publikationen, seine Erzählung „Suicide City“ (killroy media) gehört zu den Perlen der deutschen Underground-Literatur. Aktuell erschienen ist „Das große Raubtier weint bitterlich“, eine CD mit Begleitbuch, auf der Schiemanns eindringliche Stimme und seine Geschichten von Fehlbarkeit, Schwäche und Absurdität von der sehr zurückgenommenen, sphärischen und subtilen Musik Frank Bauers untermalt werden. Das ist eine unbedingte Kaufempfehlung und hier könnt ihr bestellen.

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