MUTTER, WARUM HABEN WIR NICHT GELERNT ZU LIEBEN

Es gibt keinen Jahrgang 2021.

Es hatte 2016 angefangen. Oder 2015. Als meine Frauenärztin sagte, sie könne mich nicht für eine Uterus-Entfernung empfehlen, ich sei noch im gebärfähigen Alter. Auch der zweiten Frauenärztin bestätigte ich, dass ich unter keinen Umständen Kinder wolle. Doch sie willigte dem Eingriff ebenfalls nicht zu. Ich könne ja nicht wissen, was die Zukunft bringe, falls ich doch Kinder wolle, irgendwann in den nächsten Jahren, würde ich diese verfrüht getroffene Entscheidung sehr bereuen. Letztlich war es die dritte Frauenärztin, die ihren Vorgängerinnen zustimmte und um den Faktor der hohen Risiken einer solchen Operation ergänzte, die würde sie an meiner Stelle nicht ohne Notwendigkeit in Kauf nehmen.

– Eine Schwangerschaft ist ja auch ein hohes Gesundheitsrisiko, sage ich zu Valentin und will über meine Enttäuschung sprechen, aber ihm verkrampfen nur die Lippen.
– Du übertreibst, sagt er.

Thilo, Sam, Mat, Jo, Tobi, Clemens, Heiko, Fabian, Kevy, Tillmann und Kai fragen auf OkCupid, warum ich keine Kinder wolle. Nur Henry und Tobi2 vermuten, ich hätte wohl schon Kinder und mache eine falsche Angabe, um Männer nicht verfrüht abzuschrecken, Zwinkersmiley.

Nach einigen Chats treffe ich mich mit Jochen – Mediendesigner (36) – auf einen Kaffee. Er will ihn zum Mitnehmen in Pappbechern, damit wir am Kanal entlang spazieren können. Dass er nach einigen Jahren als Freischaffender jetzt doch eine feste Stelle in einer Agentur angenommen hätte, er vermisse zwar die flexible Zeiteinteilung, aber den neuen Herausforderungen sei er sehr zugetan, außerdem könne er jetzt Rücklagen schaffen, das sei ihm in den letzten Jahren nicht so gut gelungen, ob ich nicht Angst davor hätte, im Alter allein zu sein, Familie sei ja auch eine Absicherung, irgendwie müsse man die Zeit nach 30 und 40 und so weiter füllen, irgendwann sei die Party vorbei, er könne sich nicht vorstellen, hier in den Clubs alt zu werden, aber prinzipiell könne er sich schon vorstellen ein oder zwei Monate Vaterschaftsurlaub zu nehmen, das würde nicht so stressig sein, man könne sich das fair aufteilen, am Wochenende würde er nicht arbeiten, dann könne er sich um das Kind oder die Kinder kümmern, Kinder seien bestimmt etwas Schönes, Menschen, zu denen man diese ganz besondere Verbindung hätte, eigentlich seien Frauen schon zu beneiden, diese Fähigkeit, Leben in die Welt zu setzen, das sei ein großes Geschenk, auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, das könne man nicht so ohne weiteres von sich weisen, also irgendwie sei das sehr egoistisch, diesen Auftrag der Natur nicht anzunehmen, das würde auch bei mir irgendwann kommen, da sei er sich sicher, ich würde das auch irgendwann spüren, ich würde also irgendwann bestimmt Kinder wollen, das sei ganz normal, also er hätte schon gerne Kinder.

– Ich werde mich nicht mehr mit Jochen treffen, sage ich zu meiner Mutter. Sie lacht. Gleich einer Beichte sitze ich ihr gegenüber mit der Bitte, mir diesen Schmerz zu verzeihen, diesen Schmerz, den sie sich ins Tagebuch notiert hatte:
Mit einem Mal ist da eine Leere in der Mitte meines Körpers. Angst überkommt mich. Ich kann den größten Schatz meines Lebens nicht mehr in mir tragen. Sie liegt jetzt hier neben mir. Ich kann nicht aufhören, sie anzustarren. Kontrolliere ob ihre Atmung noch geht, ob alles in Ordnung ist. Ich kann sie nicht mehr mit meinem ganzen Körper beschützen. Du bist so klein.

– Es tut mir leid Mama, dass ich dir diesen Wunsch nicht erfüllen kann, du hattest dir sicherlich Enkelkinder gewünscht, sage ich ihr. – Nein, das ist mir nicht so wichtig, das ist doch dein Leben, nur dass du glücklich bist, ist mir wichtig. Als ich dann endlich bei Hannah am Tisch sitze, muss ich mich mit dem Basteln dreidimensionaler Rautenfiguren aus schmalen Pappstreifen beruhigen. Sie weint nicht. Sie hat noch nie geweint. Sie liest nur vor: – Dir ist schon klar, dass du Maurice total verzogen hast, du bist Schuld an seinen Problemen in der Schule und du weißt das ganz genau, ich hoffe, du denkst endlich mal nicht nur an dich, sondern auch an Maurice, du bist einsam, du hast nichts von dem erreicht, was du wolltest, du kommst einfach nicht damit klar, dass ich beruflich erfolgreich bin und du in dieser Dreckswohnung sitzt, Maurice sagt, bei dir stapelt sich die Wäsche und es ist dreckig, du weißt selbst, dass das kein gutes Umfeld ist für Maurice und glaubst du wirklich, es ist gut für Maurice, wenn du ihn krank zu mir schickst, er hat sich auch schon wieder eingekackt, woran glaubst du, liegt das, dass er keine Hygiene beherrscht und sich einkackt, dass er keine Freunde hat, ist allein dein Verdienst, bist du jetzt immer noch so stolz darauf, du kommst alleine nicht klar, das weißt du ganz genau, du fühlst dich stark, weil du einen Anwalt hast, du konntest vielleicht deinen Anwalt um den Finger wickeln oder eine einfache Pädagogin von der Schule, aber spätestens vor Gericht wirst du nicht verheimlichen können, dass du einiges verbockt hast, Maurice muss erzogen werden und du kannst das nicht, du kannst nichts, du weißt, dass es deine Schuld ist, du wolltest allein und unabhängig sein und du hast es nicht hinbekommen und wer darunter leiden muss, ist Maurice, du bist die Mutter, du musst dich kümmern, das ist deine Pflicht … naja und der Rest sind Sprachnachrichten, die spiele ich dir besser nicht vor, sagt sie.

Dann halte ich mir eben die Ohren zu, während Valentin nicht aufhört, mich zu fragen, ob ich mir das nicht auch gut vorstellen könne. Dabei lehnt er sich ganz dicht an mein Ohr, sein halber Körper liegt nun an meinen gelehnt. Meine letzte Kraft muss ich aufwenden, damit er nicht vom Barhocker fällt oder ich. – Kannst du dir das nicht auch gut vorstellen, dröhnt es ein weiteres Mal in mein Ohr. Er würde sich auch kümmern. Er würde sich um das Kind kümmern, es würde nicht nur an mir hängen bleiben, das würde er mir versprechen, er wäre gut darin, sich um andere zu kümmern, das könne er gut, es wäre nicht nur meine Aufgabe, wir würden uns das ganz fair aufteilen, das könne man doch organisieren, ja sogar vertraglich festlegen, ich müsse mir da keine Sorgen machen, es sei heute ja ganz normal, dass sich auch die Väter um die Kinder kümmern, endlich sei das ganz normal und ob ich wirklich sein Sperma so sehr verschmähe und dass es sowieso seltsam sei, dass Frauen das einfach so entscheiden können, dass sie ohne Einwilligung des Vaters einfach so ein Kind abtreiben können, das könne er seiner Exfreundin einfach nicht verzeihen, dass sie diese Entscheidung ohne ihn getroffen hatte, dass sie gegen seinen Willen abgetrieben hatte, ohne dass er überhaupt gefragt wurde, was sei das für eine kranke Welt, fragt er mich.

Da muss Tamara lachen. Sie lacht immer, wenn sie von ihrer Familie erzählt: – Die Welt ist wirklich krank. Wenn ich dann endlich alle Termine koordiniert habe, die Osterferien, die Sommerferien, die halben Urlaubstage, weil das Kind zu den Großeltern gefahren werden muss, der KV kann nämlich nicht fahren, der muss arbeiten, also die zwei Wochen bei den Großeltern, das Ferienlager, die zwei Wochen beim KV, wenn das endlich nach einigen Telefonaten, denn die Oma will auch noch das Rentner-Sommer-Kino organisieren und der Opa hat Verpflichtungen im Schützenverein, ob man die Woche nicht doch noch mal verschieben könnte, vielleicht in die letzte Ferienwoche, das würde Oma und Opa besser passen, also rufe ich bei den anderen Großeltern an und versuche, die Wochen zu tauschen, aber die sind da gerade zwei Wochen auf Kreta … – Na gut, sagt dann meine Mutter, dann haben wir das Kind eben nur eine Woche im Sommer, wenn das für dich so einfacher ist. Dann können wir mit ihm aber nicht campen fahren, das schaffen wir in dieser einen Woche nicht, dann muss er eben darauf verzichten, wenn das so für dich einfacher ist, wenn du deinen Urlaub jetzt nicht mehr verschieben kannst, dann kommen wir dir da natürlich entgegen, geht ja nicht anders, dann ist er eben nur eine Woche bei uns im Sommer, schade mit dem Campen, das wäre ja schon schön gewesen aber das schaffen wir in einer Woche eben nicht.

Also kann Tamara bei Diskussionen über den 12h Tag nur lachen.

– Ich würde ja gerne zur Demonstration am Samstag kommen, sagt sie, aber ich kann mir die Kinderbetreuung nicht leisten. Die Kurse, Diskussionsrunden und Arbeitsgruppen sind meistens zwischen 18 und 21 Uhr, daher überlege sie, aus der Linken wieder auszutreten. Wegen des Mitgliederbeitrags über 70 Euro im Monat kann sie sich die Babysitterin kaum noch leisten. – Es gibt da keinen Sonderbetrag für berufstätige Alleinerziehende und auch nur wenige Angebote, die ich mit Kind gut besuchen könnte. Bei den meisten Veranstaltungen gibt es keine Kinderbetreuung oder sie finden abends statt, dann muss ich den Kleinen ins Bett bringen. Selbst der Female Future Force Day – DER TAG, DER DEIN LEBEN VERÄNDERT – eine feministische Konferenz für all die Frauen, die endlich businessmäßig in ihre Selbstbestimmung durchstarten wollen, findet für läppische 300 Euro genau am Berliner Einschulungstag statt. Erneut muss Tamara lachten: – Wenn ich nach einer schlaflosen Nacht, weil der Kleine alle zwei Stunden in mein Bett gekrabbelt kommt, nur um ihm dann um sechs Uhr morgens Frühstück zu machen, ihn zur Schule zu fahren, dann zur Arbeit zu fahren, eine Minusstunde kassiere, weil mal wieder die letzte Stunde ausfällt, wenn ich dann mit ihm zum Fußball gefahren bin und die restlichen Hausaufgaben und das Abendessen gemacht habe, wenn dann endlich die Wäsche in der Maschine ist, ich den Jungen ins Bett gebracht und ihm 45 Minuten vorgelesen habe, wenn ich dann endlich um 10 selbst im Bett liege und nach 5 Minuten der Greys Anatomy Folge, die ich seit einer Woche sehen will, einfach einschlafe, naja, dann kommt mir so eine Diskussion über den 12h Tag echt lächerlich vor …

– ABER DU WOLLTEST ES DOCH GENAU SO, du bist doch selbst schuld daran, du wolltest doch ein Kind und jetzt beschwerst du dich über die Aufgabe, die dir als Mutter zugefallen ist? Findest du das nicht ziemlich bigott? Ist es dir nicht peinlich, Kindererziehung mit Arbeit gleichzusetzen – du schimpfst doch immer so gerne über den Neoliberalismus und jetzt bist du selbst so unscharf in deinen Gefühlen, mehr ist das ja nicht, Befindlichkeiten, da ist dir dein bemühtes Bedürfnis um I N D I V I D U A L I T Ä T ein wenig übers Köpfchen gewachsen, nicht wahr, Kinder sind ein Geschenk, für sie verantwortlich zu sein, sich um sie zu kümmern, ist keine Bürde, das ist keine Arbeit – DER GESETZGEBER MÖCHTE NICHT, DASS ÜBER SCHWANGERSCHAFTSABBRUCH IN DER ÖFFENTLICHKEIT DISKUTIERT WIRD, ALS SEI ES EINE NORMALE SACHE – es gibt Dinge, über die kannst du nicht frei bestimmen, du musst Klamotten kaufen, die unter ausbeuterischen Bedingungen produziert werden, du kannst dir Fair-Trade-Klamotten nicht leisten, du kannst eben nicht über alles frei verfügen, du hast keine Selbstbestimmung, deine Umwelt ist Determinismus, egal wie sehr du versuchst, individuell zu sein und schließlich hat dich niemand dazu gezwungen, deinen Partner zu verlassen, ein Kind allein groß zu ziehen, dich fünf Jahre aus dem Berufsleben zu nehmen, damit du dich um das Kind kümmern kannst, während dein Mann arbeiten gegangen ist, während dein Mann dein Familienleben finanziert hat, hast du dir überlegt, wie du ihn am besten verlassen kannst, wie du ihm die Beziehung zu seinem eigenen Kind versauen kannst, du wolltest es doch so und jetzt beschwerst du dich, immer ist dir alles zu viel außer beim Geld, da ist es dir immer zu wenig, da willst du immer mehr, du kleines, rachsüchtiges, geldgeiles Biest, verrecke doch in der einsamen Hölle, die du dir selbst gebuddelt hast, dich fickt definitiv niemand mehr.

… es war also 2015 oder 2016. Plötzlich wurden all diese Stimmen laut. Diese hohen Fistelstimmen. Dieses helle Fiepen, von dem immer angenommen wurde, es sei viel zu hoch, um es zu verstehen, man könne all diesen Stimmen nicht zuhören, nicht folgen, sie seien daher auch weniger relevant – Claudia Neumann solle besser den Flur im ZDF wischen, statt sich anzumaßen, ein Fußballspiel zu kommentieren … plötzlich wurden sie laut, drängten durch die Ritzen der Gesellschaft, verschafften sich Luft, Oberfläche, Raum, stießen an- und ineinander, sammelten sich auf offenen Plätzen, es wurden mehr und mehr Stimmen, kulminiert und geronnen zu der Frage, warum die Armutsrate unter Alleinerziehenden bei 40 % liegt, warum sind Frauen noch immer allein verantwortlich für die emotionale Arbeit innerhalb einer Beziehung, warum sind sie immer noch allein verantwortlich für die Carearbeit, warum sind Gebärmütter noch immer Eigentum der Gemeinschaft, warum, warum, warum … all diese Fragen eben, warum sind wir so viel weniger wert und wenn ihr solche Genies seid, dann erfindet doch künstliche Gebärmütter und macht es euch selbst.

Es war also 2015 und die ersten Frauen forderten, ein Jahr lang solle aus Protest auf das Kinderkriegen verzichtet werden. Für jede Einzelne würde das kein Problem darstellen, der Kinderwunsch könne leicht um ein Jahr verschoben werden. Es gab viel Kritik aus den eigenen Reihen – Frauen wollten sich nichts mehr vorschreiben lassen, aber nach und nach sickerte die Protestbewegung durch die vielen verschiedenen Schichten, durchdrang selbst konservative Membranen. Bereits 2018 wurden statt 792.131 Kinder nur noch 768.368 Kinder geboren, bis 2020 die Zahl heruntersank auf 129.061.

– Toxische Fortpflanzungsverweigerinnen, nannte Jens Jessen uns in einem Artikel der Zeit. Ja, das sind wir, die Hexen des 21. Jahrhunderts, stell dir vor, jeder Samenerguss lässt automatisch pro Spermium einen neuen Menschen entstehen, die Welt wäre in zwei Sekunden Geschichte.

Es gibt also keinen Jahrgang 2021.

Ein Text von Sarah Berger

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