Das trunkene Schiff

Mythen sind entweder 2000 Jahre oder 2 Tage alt – so las ich es einmal vor vielen Jahren. An den Namen des Autors erinnere ich mich nicht mehr. Es könnte Roland Barthes gewesen sein. Das Buch wäre dann Mythen des Alltags gewesen. 2000 Jahre oder 2 Tage. Eine seltsame Disjunktion. Die 2000 Jahre waren mir immer klar. Ein Mythos, das sagt schon der altgriechische Begriff, der ursprünglich μῦθος, also „Wort, Rede, Erzählung“ bedeutet, in dem das Dasein des Menschen mit den Göttern verknüpft ist, ist eine Geschichte, die mit einer Autorität und Bedeutsamkeit ausgestattet ist, die sich nicht einer flüchtigen Gegenwart verdankt, in der das Neue von heute morgen schon im Meer der Geschichte verklappt sein wird. Ein Mythos, das muß etwas Überhistorisches sein, oder zumindest etwas, was das Zeug hat, auch morgen oder übermorgen noch erinnert zu werden. 2000 Jahre – oder 2 Tage?

2000 Jahre – ja. Aber 2 Tage? Das King Size ist älter als zwei Tage. Es ist am heutigen Tag, dem 23. Juni 2017, genau 7 Jahre und 61 Tage alt. Die King Size ist eine Bar in Mitte Berlins, versteckt, aber doch leicht zu finden, zwischen der Oranienburger Straße, wo sich seit der Öffnung der Grenze in den Herbsttagen des Jahres 1989 wieder allabendlich die Nutten die Füße platt stehen und der Weidendammer Brücke, die Wolf Biermann in seiner „Ballade vom preußischen Ikarus“ so schön besang. Sie ist Skandal, Institution und sie ist ein Mythos – ein Mythos des Alltags, genauer: ein Mythos des Alltags in Berlin – noch genauer; ein Mythos der Nacht.

Der Alltag ist im Unterschied zum Festtag ein gewöhnlicher Tag, eben ein Tag wie jeder andere, nicht herausgehoben durch eine besondere Auffälligkeit, sondern eben ein Tag aus dem unser Leben oft, wenn nicht sogar zumeist besteht. Mythen des Alltags sind beides. Sie sind die Unterbrechungen jener lebensweltlichen Funktionsvollzüge, die für unser Leben zumeist verbindlich sind – und sie sind die Unterbrechungen eines Lebens, das es in diesem zumeist nicht aushält, das die Abweichung und die Ausnahme von der berühmten Regel braucht, um sich selbst zu feiern und sich in der Feier zu erhalten. In der Unterbrechung feiert sich das Leben selbst – schon immer. Vor 2000 Jahren war dies so und heute ist dies so und vermutlich wird dies auch immer so bleiben. Wie immer man das animal rationale versteht, es war immer auch das Tier, daß sich im Fest selbst feiernd erhöhte.

Das King Size ist Skandal, Institution und ist ein Mythos. Und zwar aus einer ganzen Reihe von Gründen, die aufzuzählen den Rahmen sprengen würde. Einen aber muß ich erwähnen, weil er mir wesentlich und auch charakteristisch zu sein scheint: Das King Size ist ein Garant dafür, daß auch an diesem Abend, an dem Abend nämlich, an dem jeder einzelne Besucher seine Füße über die Schwelle der kleinen Bar gesetzt hat, erwarten kann, daß der Abend im Exzess enden wird. Der abendliche Absturz ist keine theoretische Möglichkeit, sondern praktisches Programm.

Das King Size ist Skandal, Institution und ist ein Mythos. Und zwar aus einer ganzen Reihe von Gründen, die aufzuzählen den Rahmen sprengen würde.

Darin liegt ein Problem. Wer an dem nächtlichen Treiben teilhaben will, wer beabsichtigt, hier eine Auszeit von seinem alltäglichen In-der-Welt-Sein zu nehmen und sich und sein Leben zu feiern, der muß zunächst einmal durch die Tür – und die Türen von Institutionen stehen bekanntlich nicht jedem offen. Und die Türe, das ist Frank, 131 Kilogramm Lebendgewicht, blaue Turnhose, grüner Shell-Parker, ein Epikureer und ein exzessiver Küsser – und vermutlich, der einzige, der es Abend für Abend bei diversen Wassern und Säften beläßt. Auch er ist eine Institution, denn allein er entscheidet, wem es vergönnt ist an den nächtlichen Unterbrechungen lebensweltlicher Funktionsvollzüge teilzunehmen. Von Türen sagt man: Jede Bar ist so gut oder so schlecht, wie die Türe, weil es allein von der Tür abhängt, ob die Gespenster der Nacht zueinander passen und sich gemäß der mehr oder weniger ungeschriebenen Regeln, von denen es hier freilich nur sehr wenige gibt, regelkonform verhalten.

Jedes Gespenst mußte irgendwann einmal an Frank vorbei, ohne daß dieser freundlich und ein bißchen spöttisch sein obligatorisches „Hallo, guten Abend X“ sagte. Auch ich mußte irgendwann einmal an diesem Koloß vorbei. Dies liegt einige Zeit zurück, doch erinnere ich mich immer wieder gerne an diese Geschichte, die ich inzwischen bereits so häufig erzählt habe, daß ich mich für ihren Wahrheitsgehalt nicht mehr zu einhundert Prozent verbürgen möchte. Es war im Winter des Jahres 2012. Die Kälte und das Warten waren einigermaßen frustrierend, was nur dadurch etwas kompensiert wurde, daß mit mir etwa zwanzig zumeist jüngere Leute ebenfalls warten mußten. Beschwingt wäre eine Untertreibung, aber Willens durch diese Tür zu gelangen, wartete ich geduldig, bis ich meine Chance bekam: Jeder hat diese Chance, jeder, der es versucht. Ich sagte bereits: Frank, die Türe, ist ein Epikureer und daher gibt es hier keine strukturelle Unfairness – und in dieser besagten Winternacht fragte er mich: „Sag mir mal einen vernünftigen Grund, warum ich Dich hier hereinlassen sollte? Denk Dir mal ʼne schöne Geschichte aus!“ Und dabei lachte er über sein ganzes Gesicht.

Wer durch die Tür gekommen ist, hat sich damit für den abendlichen Untergang und das Desaster qualifiziert.

Ich verstand die Frage sofort. Sie war klar wie Selters und ebenso ernüchternd. Mir war augenblicklich klar: Es gibt hier nur einen Versuch – oder der Abend hätte sein vorzeitiges Ende gefunden, was in einem bestimmten Sinn von „vernünftig“ vielleicht sogar vernünftig gewesen wäre, aber eben nicht so schön. Ob es Geistesgegenwart oder aber Wahnsinn war, vermag ich im Nachhinein nicht mehr zu sagen. Jedenfalls antwortete ich: „Ich denke mir jeden Tag 25 Stunden Geschichten aus. Da denke ich mir jetzt für diese beschissene Türe nicht schon wieder eine blöde Geschichte aus“. Warum ich 25 Stunden gesagte habe und nicht 24, „beschissene Tür“ und „blöde Geschichte“, weiß ich nicht mehr. Ich folgte wohl einfach den Worten, die aus meinem Mund wollten. Warum genau diese – ich kann es beim besten Willen nicht mehr sagen. Frank, die Türe, schaute mir ein Weile in die Augen – und sagte: „Ok. Schönen Abend“. Das nächste Mal wurde ich mit Namen begrüßt. Wer durch die Tür gekommen ist, hat sich damit für den abendlichen Untergang und das Desaster qualifiziert. Denn hier ist der Mensch Mensch, wenn er allein in der Maßlosigkeit sein Maß sucht und wenn im dionysischen Schwindel das Oben und das Unten ineinander stürzen, womit allabendlich ein Prinzip aufgerufen ist, daß als ein übersubjektives Geschehen verstanden werden muß und den ethischen Raum der Werte und den moralischen Raum der Normen transzendiert, der für unser alltägliches In-der-Welt-sein mehr oder weniger obligatorisch ist. Hier sind die Entfremdungen und alle Entzweiungen aufgehoben, die sich im empirischen Alltag nicht aufheben lassen und die nun durch Dionysos, dem Gemeinschaftsstifter, ihre Überwindung finden.

Ähnlich hat dies Nietzsche in der Geburt der Tragödie beschrieben: „Unter dem Zauber des Dionysischen schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen.“ Dionysos-Feste schließen nicht nur den Bund zwischen Mensch und Mensch. Sie versöhnen auch Mensch und Natur. Im Dionysos-Kult wird durchbrochen, was in der Philosophie das principium individuationis heißt. Dionysos, der Gott des Weines und des Tanzes, ist ein Gemeinschaftsgott – und die Vernichtung der bürgerlichen Individualität ist der Grundzug des Dionysischen. Vielleicht kann man auch sagen: Dionysos war der erste bekannte Nicht-Spießer und sein Kult der erste Versuch, dem bürgerlichen Alltag Paroli zu bieten. Aber genaues läßt sich darüber nicht mehr sagen. Allein sicher ist: Im dionysischen Taumel, also dort, wo alle Hierarchisierungen und Entgegensetzungen ineinander stürzen und verschwimmen, ist das erreicht, was man ein mystisches Vereinigungserlebnis nennen kann. Die Gesetze, Verbote und Beschränkungen, die die Struktur unseres lebensweltlichen Alltags ausmachen, sind hier aufgehoben, allen voran die hierarchischen Strukturen und alle mit ihnen verbundenen Formen der Etikette und der Pietät, d. h. alles, was die soziale Hierarchie und jede andere Form menschlicher Ungleichheit und Anständigkeit ausmacht, so daß der freie Kontakt unter doppelt freien Menschen als besondere Kategorie dieses Festes in Erscheinung tritt.

Denn hier ist nichts ordentlich. Im Gegenteil. Alles ist hier außer- ordentlich, also buchstäblich außerhalb der Ordnung.

Wenn man mit Heidegger behaupten kann, daß sich unter den Bedingungen der Moderne der Mensch trotz seiner behaupteten Individualität und trotz seines immerwährenden Ich-Geschreis zumeist in der „Durchschnittlichkeit des man“ bewegt, die er etwas unfreundlich auch als eine „Diktatur“ bezeichnete – denn, so seine Begründung: „Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom ,großen Haufen‘ zurück, wie man sich zurückzieht; wir finden ,empörend‘, was man empörend findet“ –, dann ist das King Size hierzu das direkte Kontrastunternehmen, zumindest was das „Genießen und Vergnügen“ angeht. Denn hier ist nichts ordentlich. Im Gegenteil. Alles ist hier außer- ordentlich, also buchstäblich außerhalb der Ordnung.

Arthur Rimbaud hat hierfür 1871 die bis heute gültige Bezeichnung gefunden Le bateau ivre – Das trunkene Schiff. Hier tritt das lyrische Ich als ein Schiff auf, das in eindrucksvollen Bildern von einer traumartigen Reise steuerlosen Dahintreibens erzählt, auf der alles nur denkbare an Untergängen und Katastrophen versammelt ist, was sich die menschliche Phantasie hat ausmalen können – doch so, daß dieses Schiff, bei allen Stürmen und Gefahren, sich dabei immer über dem Grund hält, auf den andere Schiffe längst gesunken sind. Das King Size ist solch ein trunkenes Schiff.

Ein trunkenes Schiff ist ein Schiff, an dem „kein Glied nicht trunken ist“. Hegel hatte dies in der Einleitung zur Phänomenologie des Geistes eigentlich von der Wahrheit behauptet und gemeint, diese sei auf Grund ihrer dialektischen Vermitteltheit mit einem „bachantischen Taumel“ vergleichbar, in dem ein Glied das andere mit sofortiger Wirkung infiziert. Mit weit größerem Recht kann man dies wohl aber von diesem Schiff behaupten, zumal hier die Besucher selbst dafür Sorge tragen, daß die Trunkenheit des Schiffes nicht nur ein temporärer Zustand bleibt. Der terminus technicus hierfür lautet: Grenzüberschreitung. Auch wenn nicht jede Regelverletzung eine Grenzüberschreitung ist. Das King Size ist eine.

Ich möchte diesen Tatbestand nicht zu der Behauptung hochphilosophieren, daß hier allabendlich in den Abgrund geschaut wird, den der Metaphysiker aus dem Schwarzwald einmal als den Abgrund des Nichts bezeichnet hat – dazu paßt nicht die Frivolität und Ausgelassenheit, mit der die trunkenen Glieder des Vehikels die knapp bemessene Zeit zwischen Mitternacht und dem Morgengrauen verbringen, zumal auch sie wissen, was bereits Rimbaud wußte: „Der Morgen muß enttäuschen“. Den Gespenstern der Nacht, die hier zuweilen auch als „Gesindel“ bezeichnet werden, fehlt dazu nicht nur das philosophische Problembewusstsein, sondern vor allem die mentale Grundausstattung. Besatzung und Passagiere trunkener Schiffe sind ganz sicher keine Metaphysiker. Sie wissen nichts von den metaphysischen Gefahren, die mit Untergängen und Katastrophen intern verbunden sind, wohl aber etwas von den ästhetischen Genüssen nächtlicher Untergänge und Abstürze und von den segensreichen Wirkungen einfacher Alkoholika und komplizierter Substanzen, die das abendliche Bewußtsein für neue Welten erweitern und dabei so überaus effektiv vom Problemdruck lebensweltlicher Normallagen entlasten. So gesehen wäre das King Size, von dem ich sagte, es sei ein Mythos des Alltags, richtiger als ein Mythos der Nacht beschrieben.

Über die Konstruktionspläne trunkener Schiffe ist wenig bekannt. Sicher ist, sie halten sich über Wasser, so oder so. Doch immer so, daß das Desaster und der Untergang eine beständige Möglichkeit des Daseins sind. Dies gilt für Schiffe im Allgemeinen, für die trunkenen aber erst recht. Was Edward John Smith einst über die Titanic sagte: „selbst Gott kann dieses Schiff nicht versenken“, hätte er über das King Size mit Sicherheit nicht behaupten können. Denn in beiden Fällen spielte zwar die Musik bis zum Schluß, im Unterschied zu seinem historischen Konkurrenzunternehmen kann sich hier aber niemand zu der Naivität durchringen, das Schiff für unsinkbar zu halten. Hier weiß jeder um die Fragilität der eigenen und fremden Inszenierungen, aber auch darum, dass Schiffsbrüche, Untergänge und Katastrophen, die seit mehr als 2000 Jahren die Phantasie von Dichtern und Philosophen beflügelt haben, unter gewissen Voraussetzungen ein ästhetisches Vergnügen bereiten – auch mich ziehen diese auf eine kaum zu beschreibende Weise an – zuweilen sogar im Privaten. Aber dies gehört nicht hierher.

Lukrez hat hierfür das Stichwort geliefert. In seiner römischen Nüchternheit und seiner Abgeneigtheit gegenüber allen Formen existenzieller Ausnahmesituationen behauptete er, daß der Betrachter des Desasters durchaus ein Vergnügen an diesen finden könne, wenn er denn vom „fernen Ufer“ aus beobachtet, wie andere dem tobenden Kampf der Wellen ausgesetzt sind. Aus der Gewißheit, von dieser „Bedrängnis“ frei zu sein, erklärte er das ästhetische Vergnügen als eines, das nicht in der Identifikation mit dem Untergänger liegt, sondern gerade umgekehrt, in der Distanz zu ihm. Einige hundert Jahre später hat die Erhabenheitsästhetik diese Intuition dahingehend konkretisiert: „je furchtbarer“, „desto anziehender“, vorausgesetzt, daß „wir uns in Sicherheit befinden.“

Ein trunkenes Schiff ist ein Schiff, an dem kein Glied nicht trunken ist.

Nun gibt es auf trunkenen Schiffen keinen sicheren Platz. In Sicherheit, gemeint ist hier immer die metaphysische Sicherheit, ist hier Niemand. Gleichwohl gibt es Plätze, die sicherer sind als andere. Ein solcher ist der Platz am Tresen, in der vordersten Ecke gleich rechts hinter dem Eingang. Dieser Platz ist besonders, jedenfalls für mich ist er dies. Es ist mein Platz. Seine Besonderheit besteht darin, daß ich hier mit dem Rücken zur Wand stehe. Und dies meine ich durchaus wörtlich. Es gibt im King Size nicht viele solche Plätze. Nicht nur auf Schiffen ist dies so. Und es ist ein Platz, von dem aus man alles übersieht, was sich an Bord ereignet, jedenfalls wenn man von den hinteren Teilen des Schiffes absieht, von denen gemunkelt wird, daß es hier absturztechnisch gesehen noch ganz anders zugeht, als in den vorderen Bereichen. Soziologisch gesprochen entspricht dies der Position des teilnehmenden Beobachters. Nicht, daß der Beobachter nicht trunken sein könnte – ich sagte bereits: Ein trunkenes Schiff ist ein Schiff, an dem kein Glied nicht trunken ist. Und dies schließt dann auch immer den Beobachter ein. Aber teilnehmende Beobachter sind keine Teilnehmer, jedenfalls nicht im Vollsinn des Wortes. Sie nehmen nicht teil an dem, was für den Teilnehmer Grund und Ursache seiner Teilnahme ist. Für sie gilt: Sie sind immer noch Teilnehmer in dem Sinne, daß sie sich auf besagtem Schiff befinden. Aber der Abstand zum Desaster ist nie so groß, dass er nicht jederzeit aufgegeben werden könnte.

So gilt denn zwar, daß die Trunkenheit eine Allgemeine ist, jedenfalls auf dem Schiff, technisch gesprochen: eine partikular Allgemeine und noch technischer gesprochen: eine partikular Allgemeine Trunkenheit ist die nächtliche Betriebsform des trunkenen Schiffes, das solcherart auch als ein betrunkenes angesehen werden könnte. Nur als trunkenes existiert dieses Schiff. Nüchtern verläßt es nie den sicheren Hafen. Für den teilnehmenden Beobachter jedoch gilt, daß die Sicherheit verbürgende Abstandnahme als gefahrenvermindernd angesehen werden muß und daß er zu dem Treiben ein vorwiegend begreifendes Verhältnis hat – etwas weniger freundlich ausgedrückt: Gefährlich denken und gefährlich leben ist nicht seine Sache. Er versucht zumindest die Katastrophe unter Kontrolle zu halten.

Die allgemeine Trunkenheit ist also die Betriebsform, die zugleich eine soziale Existenzform ist. Aber: Von der besagten Position des teilnehmenden Beobachters aus entgeht man dem Involviertsein zumindest insoweit, als man mit dem Rücken zur Wand steht und rechts neben sich nur noch die Bar hat. Björn und Maurice sind die Bar. Sie gehören wie Frank, die Türe, zur Besatzung des Schiffes und versorgen dieses mit dem Stoff, aus dem Trunkenheit gemacht ist – zumindest zu einem Teil, denn sie entspringt zum anderen Teil auch aus der überbordenden Phantasie der Passagiere. Sie wachen darüber, daß niemand auf dem Trockenen sitzt. Denn von einem trunkenen Schiff, daß sich auf dem Trockenen befindet, hat noch niemand gehört. Auch ich bekomme hier alles, was nötig ist, um auf die entsprechende Betriebstemperatur zu kommen – zum Teil wortlos.

Das gefällt mir. Denn ich habe einen vergleichsweise geringen Kommunikationsbedarf – zumindest auf Schiffen dieser Art. Bei anderen ist dies anderes. Bei mir ist dies so. Mein Kommunikationsbedarf erschöpft sich hier zunächst und zumeist auf die Abgabe einer Bestellung, etwa wenn Björn oder Maurice an diesem Abend aus irgendeinem guten oder schlechten Grund das Schiff nicht mit Alkohol betanken. Gespräche, jedenfalls die, die manche „tiefer“ nennen, versuche ich zu meiden. Der Grund hierfür ist nicht allein der, daß ich auf trunkenen Schiffen zu einem bekennenden Fan des Trivialen werde, obgleich dies ein wirklich wichtiger Grund ist. Aber vielleicht noch wichtiger ist der, daß ich meine, es macht wenig Sinn, auf trunkenen Schiffen derartige Gespräche zu führen – wenn es denn überhaupt irgendwo einen Sinn macht. Aber dies ist eine andere Frage.

Als teilnehmender Beobachter nehme ich an Diskussionen zwischen den Gespenstern der Nacht keinen Anteil, die als Existenzialisten, radikale und gemäßigte Veganer, Kommunisten, Surrealisten, Anhänger des Konfuzius, Marxisten, radikale und gemäßigte Ökologiebewegte oder Feministinnen die letzten und dringlichsten Fragen der Welt zu ihrem Abschluß bringen möchten, mit dem Ziel, mindestens auf ihren Gegenüber einen guten Eindruck zu machen – bei witzigem Nonsens oder einer schönen Frau ist dies etwas anders. Aber dies wäre eine andere Geschichte. Wichtig ist: Ich pflege eine ausgesprochene Aversion gegenüber Gesprächen, die andere als „tief“ bezeichnen. Solange ich an Bord des trunkenen Schiffes bin, gilt die Regel: Keine Gespräche über die letzten Dinge und vor allem auch keine Diskussionen mit Passagieren, die das trunkene Schiff und die Feier auf ihm, für die Normalform des Lebens halten, das dann vielleicht auch noch als „bürgerlich“ verschrien wird. Die Verweigerung der Bürgerlichkeit geht mir entschieden auf die Nerven. Ich bin in diesem Sinn ein „Verweigerungsverweigerer“, weshalb ich, wenn es denn wieder hell wird, nach durchzechter Nacht, beschwingt und gut gelaunt über die Weidendammer Brücke nach Hause laufe, nicht ohne noch einmal den „preußischen Ikarus“ zu grüßen, mit seinen „grauen Flügeln aus Eisenguß“, von dem das Gedicht sagt:

„er fliegt nicht weg – er stürzt nicht ab

macht keinen Wind – und macht nicht schlapp 

am Geländer über der Spree.“

Und zu Hause, am Potsdamer Platz, ist dann alles wieder so wunderbar alltäglich. Alles ist hier ordentlich. Und nichts ist außerhalb der Ordnung. Die Gesetze, Verbote und Beschränkungen, die die Struktur unseres lebensweltlichen Alltags ausmachen, haben hier wieder Gestalt und Kontur, allen voran die hierarchischen Strukturen und alle mit ihnen verbundenen Formen der Etikette und der Pietät, d. h. alles, was die soziale Hierarchie und jede andere Form menschlicher Ungleichheit und Abständigkeit ausmacht, in deren Schutz wir auf so wunderbare Weise unser Leben führen können – bis zur nächsten Woche. 

Der Philosoph und Katastrophenforscher Dr. Udo Tietz veröffentlichte u.a. „Die Grenzen des Wir“ (Suhrkamp).

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