Shirley im Dezember. Von Jess Tartas

Shirley war tot. Schon wieder. Seit sie denken kann und sicher schon in der Zeit davor, das menschliche Gedächtnis beginnt sozusagen erst ab etwa drei Jahren. Bis dahin ist man als Baby und Kleinkind damit beschäftigt, alles aufzusaugen und zu lernen wie ein Schwamm, so dass unmöglich so etwas wie Erinnerungen abgerufen werden können, weil sie zunächst einmal einprogrammiert werden müssen. Jedenfalls stirbt Shirley oder verschwindet jeden Dezember und das seitdem sie sich erinnern kann. Ihre Eltern hatten ihr nie davon berichtet, dass dies schon vor ihrem vierten Lebensjahr passiert war, aber sie waren wohl traumatisiert oder wollten nicht, dass etwas so Schlimmes über ihrer Kindheit lag. Vermutlich hatten ihre Eltern auch einen ausgeprägteren Hang zum magischen Denken. Auch etwas, worüber vorwiegend Kinder verfügen und irgendwann, sollte ihre Entwicklung gesund verlaufen, schleicht es sich aus. Magisches Denken bedeutet, davon auszugehen, man könne die Umwelt beeinflussen, indem man bestimmte Dinge tut oder nicht tut. Zum Beispiel, dass man Menschen krank werden lässt, indem man nur schwarz trägt oder dass ein anderes großes Unglück geschieht, wenn man auf eine Linie im Straßenbelag tritt.

Shirley erinnerte sich daran, dass sie früher oft eine Dysbalance verspürte, die das gesamte Universum betraf, wenn sie sich nicht in die entgegengesetzte Richtung drehte, obwohl sie sich zuvor in die andere drehte. Alles ging um Balance und das Erhalten des Gleichgewichts der Welt. Dieses magische Denken also, das, wovon Shirley ausging, ihre Eltern noch nicht abgelegt hatten, weil sie sich viel zu häufig für den Nabel der Welt hielten und darum automatisch davon ausgingen, sie hätten so viel Macht, dass ihre Handlungen den Weltenlauf beeinflussen könnten, hielt Shirley davon ab, mit ganzer Gewissheit behaupten zu können, sie würde schon seit ihrer Geburt jeden Dezember zu einem Geist verwandelt.

Nun war der 1. Dezember und Shirley war tot aufgewacht und würde dies für den Rest des Monats bleiben, bis sie am ersten des Januars in ihrem Bett aufwachte. So, als hätte sie am vorigen Abend darin gelegen und sich wie gewohnt in den Schlaf gelesen. Geister schlafen aber nicht, sie spuken und wenn überhaupt, dann ruhen sie. Shirley war auf magische Weise ein Geist geworden, ein Schreckgespenst, eine unsichtbare luzide Hülle, die dennoch all ihre Gedanken, Träume und Erinnerungen trug, sie aber nicht in der Gestalt der sonst ernsten Frau die Shirley war, nach außen strahlen konnte, weil da kein Außen sichtbar wurde. Sie war nicht mehr und nicht weniger als ein Energiefeld zwischen den Ebenen.

Die Lebenden und die Toten werden verbunden durch diese Zwischenwelt, hatte Shirley im Zuge ihrer zahlreichen Recherchen zu ihrem bemerkenswerten Schicksal einmal gelesen und inzwischen glaubte sie, dass sie einer dieser Fälle sei. Allerdings verstand sie nicht, warum sie dies für einen Monat bliebe, hatte nur eine Ahnung und sie wusste, dass sie niemals jemandem so davon berichten könnte, wie es wirklich war. Man würde sie wegbringen und einsperren, mit Medikamenten füttern, sie aus dem Verkehr ziehen. Eine junge Frau, die behauptet, einen Monat lang ein Geist zu sein ist schlimmer als eine Frau, die weggelaufen und wieder aufgetaucht war.

Damals als sie, soweit sie sich erinnert, das erste Mal in Geistergestalt erwachte, verschwand sie für alle anderen. Ihre Mutter hatte sie wecken wollen. „Guten Morgen, mein Liebes. Das erste Türchen wartet auf dich.“ Sie durchschritt das Kinderzimmer, zog die Jalousie am Band hoch, sah über ihre Schulter zum Kinderbett, in dem sie die gerade erwachende Shirley erwartete und zog die Augenbrauen zusammen. „Shirley, Schatz?“ Mutter ging auf das Bett zu, tastete es mit Blicken nach Wölbungen ab und befühlte schnell und gezielt die Stelle, an der sie Shirley vermutete. „Roger!“ Dann Geschrei, Suchen und Rufen nach der Tochter. Beide Eltern verfielen in eine Art rege Starre, indem sie mit steifen und doch umherflirrenden Körpern in jede erdenkliche Ecke des Hauses liefen und mit schnellen Griffen Schränke und Koffer ausräumten. Dabei riefen sie unentwegt nach ihrem Kind. Es muss das erste Mal besonders schlimm für sie gewesen sein. Shirley hatte unterdessen unter dem Fenster gesessen und die Szene beobachtet. „Ich bin doch hier, Mama“, „Papa, schau“, hatte sie gesagt, es aber sodann aufgegeben, als sie einsah, dass sie unsichtbar war und ihre Eltern in Panik. Hätte sie auch in Panik geraten sollen? Sie stellte es sich vor, wie es wäre und entschied sich dagegen.

Stattdessen besah sie ihren Körper. Eigentlich sah er aus wie immer, nur etwas luzid. Sie hielt sich die Hand vor das Gesicht und öffnete die Augen, peek-a-boo, guck-guck. Sie sah direkt hindurch und vernahm die Welt in eiscremefarbener Milde. Damals wusste sie noch nicht, dass sie ein Geist geworden war, stattdessen dachte sie, sie würde nicht mehr geliebt oder sie wäre geschrumpft und für das erwachsene Auge zu klein und darum unsichtbar geworden. Letztere Erklärung gefiel ihr besser, jedoch hielt sie der Realität nicht lange stand, weil alles in Größe, Höhe, Entfernung und Abstand gleich blieb. Also wuchs sie in dem Glauben auf, im Trubel der vorweihnachtlichen Tätigkeiten im Weg zu sein und bestand darauf, dass ihre Eltern nur so taten, als könnten sie sie nicht sehen.

Die ersten Jahre verliefen immer gleich. Shirley war ein Geist und man suchte nach ihr. Allerdings war Weihnachten und darum mussten auch gewisse Regeln eingehalten werden. Die Verwandtschaft bestand darauf, zu Besuch zu kommen und Leber zu essen. Sie wollten Kartoffelknödel, dicke dunkle Sauce, Beeren, Bowle und Creme und über das Kind reden. Wo Shirley nur sei, es tat ihnen alles sehr leid. Die Eltern hatten leere Augen und taten, was sie konnten, um nicht zu zerbrechen. Roger und Marta, Shirleys Mutter, riefen in den ersten Jahren noch die Polizei, die kam dann auch und half bei der Suche. Sie täten „alles, was in ihrer Macht stünde“ und der Fall wurde erst ungefähr 12 Jahre später wirklich fallen gelassen, als es hieß, Shirley sei nun einmal ein Problemkind, das passiere manchmal. Die Eltern könnten da gar nicht immer etwas für, es liege einfach am Kopf der Kinder. Manche hätten da diesen Drang, zu bestimmten Zeiten wegzulaufen und zu gucken, was passiere. Eventuell müssten Roger und Marta überlegen, härtere Grenzen aufzuzeigen, manche Kinder bräuchten das und Shirley schien so ein Mädchen zu sein.

Seitdem hatte sich in der Beziehung zu Shirleys Eltern etwas verändert. Waren sie anfangs noch froh, wenn sie wieder da war, so waren sie im vergangenen Jahr scheinbar enttäuscht darüber, dass alles wie immer war, Shirley am 1. Januar lebendig im Bett lag und zum Frühstück am Küchentisch saß wie ein normaler Mensch. Sie hatte die Veränderung gespürt, sie hatte ihr nicht gefallen und so beschloss Shirley an diesem heutigen 1. Dezember, dass sie am 1. Januar nicht gewöhnlich erwachen und ein für alle Mal ein Geist bleiben würde.

„Eigentlich brauchen Geister keine Augenlider und trotzdem habe ich welche“, sagte sie in ihrem Bett liegend in ihrer durchsichtigen Stimme zu sich selbst und betrachtete die Vase auf dem Fenstersims. Sie war einmal zu Bruch gegangen, als Shirley übte, Gegenstände zu berühren und hochzunehmen. Ihr Vater ließ sie reparieren, denn um es selbst zu machen, fehlten sowohl ihm als auch seiner Frau die Geduld und das Wissen um korrekte Passung. Shirley hatte weiterhin geübt und festgestellt, dass es eine Frage der Konzentration und Durchlässigkeit war, wenn sie etwas berühren und festhalten wollte. Sie bündelte ihre Energie zu einem starken Willen und befühlte die Oberflächenstruktur einer Mandarine. In dem Moment, in dem sie die Mandarine als Verlängerung ihres eigenen Armes anerkannte, blieb sie in ihrem Griff haften und Shirley hatte gelernt, als Geist Dinge berühren und halten zu können. Fortan war es für sie kein Problem mehr gewesen, Katzen zu streicheln und Wölfe anzufüttern. Sie erntete auch gerne Pilze und mischte sie anderen unter das Essen, rief bei Magazinen an und flüsterte Falschmeldungen in das Sprachrohr. Sie dachte, Geister würden so etwas tun, also tat sie diese Dinge. In diesem Dezember würde Shirley ihre Familie umbringen, so viel stand fest.

Shirley war nun 17 Jahre alt und hatte keinerlei Freude daran, sich im Spiegel anzusehen. Für den Mord an ihren Eltern würde sie jedoch gerne für andere sichtbar werden und ihre Eltern, nun ja, irritieren bis sie vor Schreck stürben. Sie stand auf und ging zur Kommode. Es war egal gewesen, ob sie Kleidung trug oder nicht, niemand hatte sie bisher gesehen, aber für den Fall, dass es gleich beim ersten ernsthaften Versuch funktionieren würde, wäre sie gerne angezogen. Sie nahm ein schlichtes braunes Kleid aus der unteren Schublade und zog es sich über den weißen Kopf. Konzentration und Durchlässigkeit ließen das Kleid an ihr unsichtbar werden, es war das gleiche Prinzip wie mit dem Festhalten von Gegenständen. Sie trat aus ihrem Zimmer heraus, das irgendwann von einem Kinderzimmer zu einem Jugendzimmer wurde, und hörte in das Haus hinein. Ihre Eltern schliefen noch, alles war still. Shirley ging den Flur entlang, an den Wänden hingen Fotografien von der gesamten Familie; Oma, Opa, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, einfach alle wurden ausgestellt. Dazwischen war ein Kunstdruck angebracht, kleinere Originale, ein Bild von einem Straßenkünstler von der Promenade. Das ergab sich hier alles so. Sie betrat das Badezimmer, warf die Zahnbürsten ihrer Eltern einschließlich ihrer eigenen in den Mülleimer und verstopfte die Toilette mit Papier. Shirley las in der Bibliothek in einem Fachbuch, dass Problemkinder zu solchem Verhalten neigen, also tat sie es. Der Wecker ihres Vaters begann zu summen, Shirley mochte nicht mit ihm im Badezimmer sein, also ging sie die Stufen zur Küche hinunter und deckte den Tisch für drei Personen. Sie rückte ihren Stuhl ab setzte sich wartend hin bis ihre Eltern die Küche betraten.

„Sie hat es wieder getan“, sagte Vater halb zur Mutter, halb zum Frühstückstisch. „Ja, wir können nichts machen. Das sagen alle, das weißt du“, entgegnete Mutter mit gefasster Stimme. Shirley war versucht, ihr Frühstücksei zu pellen, doch nicht heute, nicht hier und nicht jetzt, dachte sie und besah die älter gewordenen Gesichter ihrer Eltern. Ihre krumm werdenden Rücken, die irgendwann zu schwach sein würden, um die dickliche Mitte zu stützen. Ihr Vater würde über Rückenschmerzen klagen und dass er auf der Arbeit in der Gemeinde nicht genügend Erholungsurlaub zugestanden bekäme. Ihre Mutter würde wieder mit dem Rauchen beginnen und eine schlimme Krankheit würde sie dahinraffen, so ein grausames Schicksal. Ihre Eltern aßen einige Scheiben Brot und verließen dann das Haus, über Shirley sprachen sie nicht mehr. Panik wurde zu Schock, Schock zu Schwere, Schwere zu Enttäuschung und Enttäuschung wurde schließlich zu Akzeptanz.

Als Geist gab es nicht viel zu tun, wenn es nichts zu rächen oder zu büßen gab. Shirley wünschte sich, sie würde in ihrer Übergangsgestalt akzeptiert und könnte normal am Alltag teilnehmen. Sie hatte nach ihrem Schulabschluss eine Lehre zur Bürokauffrau begonnen und flog darum in das Industrieviertel, in dem sie arbeitete, um zu sehen, ob es Arbeit für sie gab. Sie hatte Glück, dass ihr Vater in der Gemeinde angestellt war und darum mit ihrer Vorgesetzen bekannt. Ansonsten hätte Shirley ihren Platz schon im ersten Lehrjahr verloren, denn welcher Betrieb erhält eine Kraft, die einen Monat lang unauffindbar war. Im Büro hatte man dafür gesorgt, dass Ersatz für Shirley da war, niemand vermisste ihre Ergebnisse, Rundschreiben oder den frischen Kaffee. Manchmal fragten sie sich im Pausenraum, was sie wohl täte, aber dabei blieb es.

Der Dezember verging, jeden Tag öffnete die Mutter zu Hause ein Türchen am Kalender und beging den Advent mit Ritualen und Arbeiten, die auf Heiligabend einstimmten. Der Tag kam, Shirley stand neben dem geschmückten Baum und vor der Tür standen wie jedes Jahr alle Verwandten und angeheirateten Anverwandten der Familie. Sie brachten Pfefferminztaler, Mürbegebäck, eine gedeckten Apfelkuchen, Rotkohl und Leber in Blätterteig mit, was sie alles im Esszimmer des Hauses auf dem Tisch abstellten. Vater Roger und Onkel Bernd tauschten Scherze über das hässliche Kleid von Tante Iris aus und Tante Iris trank Eierlikör mit Cousin Tim, der seinerseits zu Hause schon mit dem Trinken begonnen hatte und sich darum jeden Moment zu übergeben drohte. Mutter brachte den Braten, herrschte Vater an, er solle den Platz von Shirley freiräumen, sie käme schließlich nicht, woraufhin er zu weinen begann, Gott weiß, warum, nicht einmal Shirley hatte darüber etwas gelesen.

„Mach dir nichts draus, Roger, deine Shirley ist so, sie war schon immer so und sie wird wiederkommen. Sie will euch nur ein wenig ärgern“, sagte Onkel Sascha und klopfte ihm auf die Schulter. Mutters Unterlippe zuckte. „Nein, sie ist nicht so“ und sie lief zu Vater, der ausrief, dass er sich nur eine normale Tochter wünsche und keinen Problemfall und Mutter rieb ihm den Rücken, während alle anderen entweder Platz nahmen oder aus offenen Mündern schwiegen und sich verlegen an den Stuhllehnen festhielten. In dem Moment wusste Shirley, was zu tun war und sie ergriff die Schale mit dem Kartoffelbrei. Diese flog vor aller Augen über den Tisch und zerbarst an der Wand. „Sie ist hier“, ächzte Vater und griff sich an den Kopf. Mutters Augen weiteten sich und aller Anwesenden Blick richtete sich auf einen zunächst kleinen und dann immer größer werdenden Lichtpunkt am Ende des Tisches. „Das ist das Ende“, brachte Tante Flora hervor und Cousine Klara zerbiss sich die Finger. Shirley bündelte sich und ihre Gedanken, ihre Erinnerungen wurden zu einem festen Klumpen, sie hatte das Gefühl, als watete sie durch Honig. Sie hob die Stimme, lang und deutlich rief sie nach ihren Eltern.

„Shirley, was zum Teufel!“, Vater zuckte zusammen und Mutter knickte fast um. Shirley materialisierte sich vor aller Familienmitglieder Augen zur Shirley im Dezember, noch nie sah sie jemand in diesem Monat. Noch nie vernahm jemand Shirleys Geist. Alle standen starr vor Angst, der Kartoffelbrei zog noch immer Schlieren an der Wand. Jede und jeder blickte Shirley in die Augen, sie leuchtete, wen würde sie heute alles töten können. Sie hob ihre Hände wie zur Mahnung empor und schrieb unsichtbare Flüche in die Luft. „Shirley, warum heute?“, Mutter sah sie an und war erbost über das Benehmen ihrer Tochter. Solche Sätze ärgerten Shirley und sie wandte sich wieder ihren Händen zu. Diese griffen nach dem Messer, das blitzend neben dem Braten auf dem Tisch bereitgelegt wurde, damit man damit Fleisch und Knochen durchtrennen konnte. „Shirley, bitte!“, Mutter deutete an, nach ihr greifen zu wollen, da drehte Shirley das Messer um und trieb es sich durch die eigenen Rippen. Zerstach das Gewebe, durchtrennte innenliegende Organe und riss einen Splitter in einen der feinen Wirbelsäulenknochen. Mutter erschrak so sehr, ihre Knie gaben nach, sie knickte um und fiel unglücklich auf die Kante des Kamins. Alle waren zu fasziniert von der Erscheinung Shirleys an diesem Tage. Und wie sie aussah! Mutter starb an diesem Tag noch im Esszimmer, die gerufene Hilfe kam zu spät. Im Juli würde sich der Vater im Wald das Leben nehmen. Endlich war Shirley ein Geist mit Grund, dachte sie und lag mit geschlossenen Lidern auf dem Bett in ihrem Jugendzimmer.

„Lange laut lachen“ ist die aktuelle Publikation von Jess Tartas und ist jüngst erschienen bei Sukultur.

Jess Tartas auf Twitter.

Diese Beiträge könnten dir gefallen:
Ich kann nicht mehr weinen, ich kotze von Sarah Berger
Antworten, nur symbolisch von Julia Knaß
Warum die Bravo Bar so heißt wie sie heißt von Johannes Finke
Typ Nashville von Constantin Klemm
Mutter, warum haben wir nicht gelernt zu lieben? von Sarah Berger

One Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.