WENN ICH UNS. EIN TEXT VON CARO KATZ

Wenn ich uns ordnen will, dann schlage ich die Metallschnalle mit den Fingern links zurück und öffne deinen Schrank. Darin ordne ich alles, was hervorquillt wie ein aufgehender Teig. Ich will meine Hände drin versenken, möchte kneten und reißen, möchte SPÜREN. Die Gegenseite und durch sie, mich. Du bist das Gefühl, das mir deine Sachen geben.

Was ich alles finde, zb deinen Geruch in jedem Stück, der mir danach an den Fingern kleben bleibt. Ich werde nicht sentimental, ich reiße alles heraus, atme dich nochmal tief ein. Zerpflückt auf dem Boden liegst du vor mir und ich schaue auf dich herunter. Ich fühle nichts, ich betrachte nur. Einen Moment später trete ich physisch zurück; dieser entsetzlich kleine Schrank, wie konntest du ihn so überfüllen? Wie viel von dir ist da drin, was hat nicht mehr hineingepasst?

Es scheint, als hättest du von allem etwas. Als hättest du dich nie entscheiden können, was genau du eigentlich haben willst. Deswegen hast du so viele Sachen, ohne dass sie  wirklich ein Bild von dir ergeben könnten. Manchmal denk ich, das bist nicht du, was hast du da an. Vielleicht hab ich es nie akzeptiert, vielleicht habe ich mich bloß an den Anblick gewöhnt, weil ich so oft SCHLUCKEN musste, dich, in deinen Sachen. 

Wenn ich uns früher einen größeren Schrank gekauft hätte, dann würdest du die Ordnung vielleicht beibehalten, dann wäre die Kleidung nicht nach 2 Tagen wieder zerknüllt. Es gäbe dann mehr Platz für dich. Du hättest dich ausbreiten können, es würde keine so hohen Stapel geben. Du wärst nicht so achtlos, mit deinen Sachen umgegangen. Dann müsste ich jetzt nicht, dabei will ich ja, eigentlich, ich will das SPÜREN.

Wenn ich uns will, hast du anfangs gemeint, muss ich dich auch aushalten. Ja, ich will aushalten, nickte ich, aber ich wusste nicht, dass es so viel, dass dein Schrank so unaufgeräumt, dass du so unsortiert, dass ich damit doch nicht umgehen kann. Was ich immer so gerne an deinen Sachen mochte, ist der unendlich weiche Stoff, auf dem ich friedlich schlafen konnte. Ich nehme ein nichtssagendes Shirt in die Hand und lege mein Gesicht hinein.

Wann ich nicht mehr SCHLUCKEN musste, war, als du gemerkt hast, dass ich geübter wurde und es mir nicht mehr viel ausmachte. Und du mir das Shirt, das du an dem Abend trugst, in den Mund stopftest, bis ich würgen musste. Das nichtssagende, das seit dem einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge hinterlässt. Du dachtest, ich würde drauf stehen. Dir zuliebe dachte ich das auch. Vor dir gab es mich noch nicht, deswegen war ich mit allem einverstanden. Ich dachte, ich müsse diese Erfahrungen einfach mal machen, um wirklich wissen zu können, was ich will und was nicht. Es kam nur nie zu den Antworten, weil dein Drängen nach uns, zwischen all deinen Sachen, stärker war. 

Als wir uns das erste Mal, ohne Kleidung, da meintest du im Nachhinein zu mir, ob ich nicht vorm nächsten Mal meine Vulva, und ich wollte da auch gar nicht diskutieren, ich schämte mich zuzugeben, dass ich einfach vorher nie Lust gehabt hatte, und das hätte deine Lust auf mich, es hätte uns zunichte gemacht. Also rasierte ich bis zum nächsten Mal und immer weiter danach, um dich zufrieden zu halten, auch wenn ich mir dabei vorkomme wie ein Kind und den Anblick im Spiegel nicht ertragen kann.

Es ist mein Nicken, das mich nicht mehr loslässt. Meine Zustimmung, zu dir, ich habe mich mitschuldig gemacht. Jeder weitere Tag, der vergeht, an dem ich aushalte, schnürt mir den Hals ein bisschen enger. Mein Körperinhalt weicht jeden Tag ein Stückchen mehr zurück und von dir fort, dass da kaum mehr etwas übrig ist, das ich als ICH bezeichnen könnte. Weil ich weiß, dass du mir nichts anmerken darfst, weil du mich sonst, bitte ich dich, mir das Knäuel noch etwas tiefer in den Hals zu drücken, in der heimlichen Hoffnung, die Schnüre würden reißen. Meine Stimme könnte wieder atmen. Ich, frei, von dir und deinen Sachen.

Wenn ich ohne dich bin, denke ich viel über uns nach. Wenn wir zusammen sind, geht das nicht, deine Präsenz bringt mich aus den Gedanken. Da muss ich achtsam sein, was könntest du zb in der nächsten Viertelstunde von mir wollen. Ich muss dir vorausdenken, damit alles wie gewohnt weiterlaufen kann. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann: Ich spüre mich nur noch durch deine Sachen. Ich kann nicht ohne dich, es bliebe nichts mehr übrig, von mir.

Wenn ich nicht mehr weiterweiß, geh ich zu den Schränken, ich geh uns ordnen. Ich bin so weit weg von mir selbst, ohne dich. Alles, was ich wirklich hab, ist nichts, bloß mich und das reicht niemals. Ich bin nur das Gefühl, das mir deine Sachen geben.

Dann schlage ich die Metallschnalle mit den Fingern links zurück und öffne deinen Schrank.

Weil du mich gar nichts mehr fragst, erzähle ich, rede ich so viel, dass ich gar nicht mehr aufhöre, die Lücken zu füllen. Ich stopfe deinen Teig in alle meine Rillen und drücke sie auf den Stellen fest, in der Hoffnung mich auszufüllen, mit dir, deiner luftlockeren Art, deiner klebrig-feuchten Substanz.

Caro Katz lebt in Bochum. Zuletzt von ihr erschienen „die herren“ in Mischen #4. Sie schreibt auf Twitter und ihrem Blog.

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