Eine grüne, bauchige Flasche. Von Thilo Dierkes

Manche Menschen hängen weniger entschlossen am Leben als andere. Morgens sieht man sie noch auf der Straße, die Hände vorgestreckt, um zu fühlen, ob es regnet. Abends sind sie verschwunden, hinter Heizkörper gestolpert, in Sofaritzen versunken – wie abgeglitten von der oberflächlichen Welt. Diesen Menschen entsprechend unterhalten auch manche Orte nur flüchtigen Kontakt zur sogenannten Wirklichkeit. Sorgfältig abgeschottet vom Außen liegen sie im Gemäuer ganz gewöhnlicher Gebäude verborgen, im Herzen undurchdringlicher Wälder oder, so sagt man, hinter den Landschaften, im Halbschatten des Hier und Jetzt. Ihre Existenz ist unumstritten, ihre Zugänge sind den meisten jedoch unbekannt. Sie sind eigenen Gesetzmäßigkeiten unterworfen, halten sich mitunter nicht an gewisse Grundannahmen der Physik. Es ist daher, wie bei allen Erklärungsversuchen, ratsam, mit dem Phänomen zu beginnen, das zwar nicht als das verständlichste, so doch aber als das ursprüngliche angenommen werden kann: mit einem unscheinbaren Rinnsal zwischen zwei zerklüfteten Felsen.

Allgemein bekannt ist, dass sich das Rinnsal aus einem Wasservorkommen im Erdinnern speist, aus einer leisen Zuneigung zu allem, was wächst. Es tritt auf halber Höhe aus dem Geröll hervor, sickert von dort aus hinab und legt sich ins Moos. Ein einziges, stetes Geräusch. Ein-ein einziges-ziges Geräusch. Wo das Rinnsal auf andere Rinnsale trifft, bilden sie einen Bach. Etwas, das die Wälder durchquert, ein sanfter Einschnitt in Feldern und Wiesen. Er streift, überbrückt von einzelnen Planken, kleinere Städte und Dörfer. Schläfriges Murmeln im Kiesbett, beständiges Rieseln im Gras. Der Bach hat einen Namen und eine Melodie und mit seinem Bachlauf fast etwas wie ein erstes historisches Bewusstsein. Wo sich zwei oder mehr verbinden, bilden sie einen Fluss; bilden sie eine Allegorie für das Vergehen der Zeit, für einen Fortschrittsgedanken. Einen Strom der die Landschaft durchmisst, eine Angst vor dem Tod. Menschen treten ans Flussufer und empfinden eine unbeschreibliche Rührung. Alle Städte neigen sich ihm zu. An sonnigen Tagen wirkt es fast, als hätten sie sich mutwillig hineingeworfen, und tatsächlich geht jede Stadt Stück um Stück ins Wasser, im Frühjahr, im Herbst, denn immer trägt der Fluss etwas fort und immer spült er es woanders an Land. 

Von Zeit zu Zeit, von Tag zu Tag kommt es nun vor, dass eine Person an der Staustufe steht. Dort unten, wo die Stadt mit einem Mal endet und der Fluss, von seinen Promenaden befreit ins Breite wachsen kann bevor er unter Rauschen und Schäumen ins Umland zieht. Eine überwucherte Bahntrasse führt noch her, gegenüber summt die Umspannstation. Auf dem Wasser türmt der Wind niedrige Wellen. Die Person klettert einigen Warnhinweisen zum Trotz über den Maschendrahtzaun am Wehr. Vorsichtig setzt sie erst einen, dann beide Füße auf den schmalen Metallsteg, der hier das das Gewässer überspannt, prüft ihren Halt und balanciert langsam vorwärts. In der Mitte, im Dröhnen, angelangt, setzt sie sich hin, mit dem Rücken zur Stadt. Zwei, drei Meter tief fällt das Wasser darunter. Was die Person dort sucht, in der Mitte des Flusses, des Bildes, lässt sich nicht sagen. Unter Umständen weiß sie es selbst nicht genau. Es ist lediglich anzunehmen, dass ihr Blick am Horizont haftet, wo sich der Fluss außer Sichtweite windet; dass außerdem keine Traurigkeit in diesem Blick liegt, eine leise Zuneigung nur zu allem, was fließt; dass, abschließend, die Person lange dort sitzt, bis in den Abend hinein, und der Fluss sich hinterm Horizont streckt, wie Schatten sich strecken, alle möglichen Senken und Täler entlang, ohne jemals auf ein Meer zu treffen, in das er münden würde-

Die Vorstellung, alle Flüsse müssten ihr Ende im Ozean finden, ist als Aberglaube abzutun. Auf manche, die meisten vielleicht, mag das zutreffen. Auf diesen einen Fluss nicht. Weit und weiter wirft er seine Schleifen, mäandert gleichermaßen durch Gebirgszüge und Landwirtschaften. Sein Gesetz ist ein Vorwärts, seine Strömung ein tiefer, traumloser Schlaf. Erst hinter dem Vorstellungsvermögen kommt sie zum Erliegen. Dort spült der Fluss an, was er mit sich genommen hat, und glänzt und glänzt in allen Farben des Öls. Dort, im Herzen der großen, weiten Welt, liegt das Strandcafé Düna verborgen von allen Blicken im Schilf.
Sei unerschrocken, falls du hier anlanden solltest, und das wirst du möglicherweise, denn vor dem Verschwinden ist niemand gefeit. Sei auf alles gefasst. In einem nämlich haben die Erzählungen recht: Für das Finden geheimer Orte ist mehr als gutes Schuhwerk vonnöten; und viel eher noch als du den Ort, wird der Ort dich gefunden haben. In einem schwachen Moment, im Halbschlaf. Verzweifelt und entkräftet. Du wirst dich der Halluzination bezichtigen, blinzeln, und doch wissen, dass wahr ist und da ist, was du siehst: Plastikpalmen und Neonröhren. Ein Verschlag aus Wellblech, Holz und Wohnwagenresten. Die Silhouetten einiger Personen hinter dem Fenster. Gedämpfte Stimmen hinter einer angelehnten Tür. Hab keine Scheu, sie erwarten dich bereits.

Thilo Dierkes schreibt Kurzprosa, spielt Theater und twittert unter @strandcafeduena. Die Photos hat er auch gemacht.

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