Antworten, nur symbolisch. Von Julia Knaß

K. schickt mir ein Foto, auf dem eine Katze über das Papier läuft. Ich wäre gern die Katze oder das Papier. Ich stelle mir vor, ich wäre beides, und wie ich Spuren auf mir hinterlasse. Aber das sind Zeichen – die Katze, das Papier, Spuren – und ich lade sie mit einer Bedeutung auf, für mich. Ich kann mir nicht tatsächlich vorstellen, wie es wäre, eine Katze oder Papier zu sein, ich streiche nur gerne über beides und über mich selbst, über uns. Ich mag, wie sich das anfühlt. Die Katze, das Papier, wir. Was bleibt: Dass wir eine ungefähre Ahnung von den Spuren haben, die wir (auf uns) hinterlassen.

L. sendet mir ein Bild von herunterhängenden Stromkabeln. Symbolbild Freundschaft. Ich stelle mir vor, ich wäre bei ihr. Wir haben uns seit über zehn Jahren nicht mehr zur selben Zeit am selben Ort aufgehalten. Manchmal, da wussten wir nicht, in welcher Stadt die jeweils andere lebt. Unsere Aussicht (auf Zukunft) ist trotzdem immer dieselbe geblieben. Selbst wenn wir streiten und Jahre nur schweigen, dieses Uns, diese Einsicht ineinander endet nicht, können wir nicht beenden, so scheint es – wir haben es beide versucht. Ich suche im Web, wie lange ich brauchen würde, um von mir zu ihr zu fahren. Wir sind im Moment über zwölf Stunden voneinander entfernt. Sie schreibt, sie versucht, nicht zu stolpern, über Steine und Stromkabel, ich antworte mit dem Bild einer Aussicht, die wir beide kennen – auf die Täler, in denen wir aufgewachsen sind.

Ich liege neben P. im Gras und frage ihn, ob es ein Foto gibt, auf dem wir gemeinsam zu sehen sind, ich kann mich an keines erinnern, und dass ich kaum Fotos von Menschen habe, die mir viel bedeuten und dass ich darüber nachdenke, woran das liegen könnte, dass ich ständig fotografiere, aber nur Sachen, keine Menschen. Ich halte aufgetaute Himbeeren auf einem Foto fest und verschicke das als Symbolbild für Nähe [1], weil das einfacher ist, als zu sagen: „Das hier ist ein Moment mit dir, an den ich mich erinnern werde und den ich auch außerhalb meines Kopfes abspeichern will.“

Die aufgetauten Himbeeren bleiben aufgetaute Himbeeren, ausgeronnenes Eis bleibt ausgeronnenes Eis (Symbolbild Autofiktion), ein Teelicht bleibt ein Teelicht (Symbolbild Intimität), zwei Waschmaschinen bleiben zwei Waschmaschinen (Symbolbild Liebe), das Kettenkarussell bleibt ein Kettenkarussell (Symolbild Feundschaft) [2], auch wenn ich Bilder davon in Gesprächen anders versende, wenn ich sie mit einer Bedeutung auflade, die sie nur für diesen Moment, nur für mich, nur für uns, haben sollen. Wenn sie stellvertretend für uns sein sollen, weil ich uns nur in meiner Vorstellung will, nicht wirklich. Aber danach werden sie wieder leer, stehen wieder nur für sich, nicht für mich, nicht für uns als Symbolbild. Ich kann sie neu, ich kann sie anders bespielen – ausgeronnenes Eis als Symbolbild für Alltag. Auf ein Bild von uns könnte sich nur mein Blick verändern, ich würde sagen müssen, „das war“ anstelle „das ist“, aber „Freund*in“ würde bleiben, es würde nicht stimmen, würde ich zb behaupten, „Kühlschrank“ – außer ich verwende auch das symbolisch.

Wenn ich ein Foto von zwei Waschmaschinen als Symbolbild für Liebe verschicke, dann ist diese Bedeutung so flüchtig, wie ich denke, dass die Beziehung, in der ich mich gerade befinde, sein wird. Wozu sie also tatsächlich festhalten? Es gibt Menschen, die mich so beeinflusst haben, dass sie unverkennbare Spuren auf mir, in mir hinterlassen haben, aber von denen es keine Spur außerhalb von mir mehr gibt, nichts, was darauf hindeutet, dass sie jemals Teil meines Lebens gewesen sind. Nichts mehr von ihnen zu haben, auch das symbolisch. P. meint, dass er das nicht so sehe wie ich, dass wir nichts speichern müssen, nicht jeden Moment; dass doch heute so oder so viel zu viele Fotos gemacht werden würden, nicht zu wenige. Dass es doch keinen Unterschied mache, ob ich mich in Gedanken erinnern würde, an Momente, an Menschen, oder ob ich Fotos von diesen Momenten, von diesen Menschen hätte, die ja doch auch nur symbolisch für sie stehen würden. Die doch auch nicht das abbilden würden, was tatsächlich ist. Und dass er sich auch nicht erinnern könne, dass es ein Foto von uns beiden gemeinsam gäbe, vielleicht auf irgendeiner Geburtstagsparty, auf einem Gruppenfoto. Und er fragt mich, ob ich so ein Foto machen wolle, und ich antworte, ja, und er meint, aber nicht heute, das wäre viel zu gewollt, und ich stimme ihm zu, ja, nicht heute, aber
irgendwann.

Dass er gerade den Briefwechsel von Hannah Arendt und Karl Jaspers lese und dass er kein Foto von den beiden gemeinsam finde, schreibt D. mir. Und ich antworte, ja, woher dieser Wunsch nach Abbildungen komme oder ob es diese Fotos nur nicht im Internet zu finden gäbe, vielleicht. Und ich denke daran, dass ich von D. und mir auch nur einen Mailverlauf habe, eine Chronologie in der Cloud. Wenn ich gefragt werden würde, könnte ich sagen, welche Wörter, welche Zeichen er wie und  wann verwendet, aber nicht, welche Augenfarbe er hat. Und ich schreibe auch, ich will ein Foto von uns, wenn wir uns das nächste Mal sehen. In einem Kaffeehaus, wir in ein Gespräch vertieft. So eine Aufnahme will ich. Uns als Klischee festhalten. Weil ich diese Spuren, von anderen Menschen in meinem Leben, nicht mehr nur in meiner Vorstellung will, sondern auch außerhalb davon. Bilder von uns, symbolisch für uns. Wir, nicht Katzen und Papier. Unsere Spuren.

[1] Symbolbild Nähe: Wenn alle Vorstellungen hinter uns liegen, würdest du dich dann dafür entscheiden, die Himbeeren auftauen zu lassen oder sie zurück in den Kühlschrank zu geben, oder würdest du das wollen, dich nach mir umdrehen, weil ich würde immer die Augen verschließen und so tun, als ob ich es nicht gesehen hätte, als ob wir uns nicht gestrichen hätten, als ob wir nicht voreinander stehen würden, solange ich mir die Augen zuhalte, sind wir nicht, ist dieses Gefühl nicht.

Ich wache auf davon, dass Himbeerwasser auf den Boden tropft und alles ist aufgetaut, in mir fehlt die Kälte, weißt du, von früher, als ich noch nicht wusste, wie es ist, wenn wir uns umarmen.

[2] Symbolbild Freundschaft: Die Welt ist Zuckerwatte, zumindest solange wir mit dem Kettenkarussell fahren und sie schreit immer so laut und singt und und lacht und sagt: „Schnuppschnupp“, wenn wir aus der U-bahn aussteigen sollen. Und ich sag viel zu oft nichts und in meinem Schweigen steckt, dass ich nicht weiß, wie ich ausdrücken soll, dass ihr Lachen mich über die Abwesenheiten in meinem Kopf trägt. Ihr Flohmarktpulli löst sich auf und die Sohle meines linken Schuhs, wir haben ungeschnittene Haare und fehlende Perspektiven. In unseren Wohnungen bleibt es auch im Winter kalt, ich habe seit Wochen keine Brille, beim Herd geht nur die Platte links vorne. Wir geben das Geld, das wir nicht haben, für Bücher aus, und essen Scones und basteln uns eigene Buttons. Sie schreibt „KILL THE INTERNET“ auf ihren und schreit mir das ins Ohr, jedes Mal, wenn ich auf mein Handy schauen will. Morgens wache ich davon auf, wie sie Seiten umblättert.

Julia Knaß ist Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift mischen, lebt und schreibt in Graz.

Photographie: Sarah Berger

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