„Typ Nashville“ von Constantin Klemm

Constantin Klemm wurde 1986 in Köln geboren, studiere Jura und arbeitete in einer internationalen Kanzlei in Berlin. 2017 erschien sein Debut-Roman „Beckenrand“ im Dittrich Verlag und eine Kurzgeschichte in „Nutzloses Gesindel – Geschichten aus dem King Size“ im Herzstückverlag. Für Down By Berlin beschäftigte er sich jetzt mit dem Kauf einer Lederjacke.

»Sie müssen sich halt überlegen, ob Sie der Typ für diese Jacke sind…«

Philipp dachte über den Satz nach und fuhr dabei langsam mit dem Finger über die Naht, die auf der Unterseite des Ärmels entlanglief. Er schaute in den Spiegel. Der Stoffvorhang hinter ihm schloss zwar nicht ganz, aber erkennen konnte man ihn aus dem Verkaufsraum nicht mehr. Die Jacke war aus braunem Leder. Sie hatte einen Stehkragen und an den Ellbogen waren Patches und mehr Nähte als nötig. Die Marke war für Bikerjacken das beste, was es zur Zeit gab. Er kaute die Worte einzeln durch: »Sie müssen sich halt überlegen, ob Sie der Typ für diese Jacke sind…«.

Dahinter stand das Gebot der Authentizität. Dinge, Menschen, Erfahrungen: Alles musste immer authentisch sein. Dabei ging die Bedeutung von authentisch über echt noch hinaus. Es könnte ein echter Native American draußen auf dem
Alexanderplatz Panflöte spielen, aber er wäre trotzdem noch kein authentischer Native American, denn er säße ja immer noch auf dem Alexanderplatz. Das mit der Authentizität war also noch mehr. Es ging um eine Art Ur- oder natürlichen Zustand. Diesen Zustand eines Menschen oder einer Sache kannte zwar niemand, denn er lag in der Vergangenheit, war oft vorbei, vielleicht sogar unwiederbringlich verloren. Aber in dem Moment, in dem man etwas Authentisches erkannte, glaubte man, ihn zu spüren. Wahrscheinlich mit einer Art von Instinkt; Menschen, die die Dinge gern authentisch hatten, mochten seiner Erfahrung nach auch den Satz: »Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, denn man sieht nur mit dem Herzen gut« aus Der kleine Prinz und trugen ihn als Tattoo auf dem Arm oder als Motto in ihrem Social-Media-Profil, manche im französischen Original.

Einem rational denkenden Menschen wie ihm dagegen war natürlich klar, dass das mit der Authentizität ein Konstrukt war. Kein Konstrukt im Sinne der großen kapitalistischen Weltverschwörung, das einen dazu bringen sollte, mehr Lederjacken zu kaufen. Er war kein Verschwörungstheoretiker. Nein, eher ein Konstrukt im Sinne einer gedanklichen Stütze, die manche brauchten, um die Welt zu erfassen. Für schwächere, emotionaler disponierte Menschen als ihn brauchte es einen Sinn in der Art und Weise, wie die Welt sich ihnen präsentierte.

Und dieser Sinn, die Erklärung für das Wie eines Menschen oder einer Sache, war in den Augen dieser Menschen fast immer eine Abweichung dessen, was sie sahen, vom Ur- oder Idealzustand (die beiden fielen in den Augen dieser Menschen fast immer zusammen), meist auf Grund der äußeren Umstände. Wenn diese Menschen jemanden neu kennenlernten, dann versuchten sie, zu ergründen, wie er eigentlich war. Wie oft war ihm das schon passiert, dass er nach ein paar Stunden oder Tagen oder Wochen von jemandem, den er neu kennengelernt hatte, den Satz gehört hatte: »Ich hatte ja eigentlich gedacht, du wärst ganz anders«, oder eine Abwandlung davon. Meist hatten diese Menschen zu diesem Satz eine Art triumphierend-gutmütiges Lächeln im Gesicht, denn sie glaubten, jetzt zum eigentlichen, zum authentischen Kern seiner Person vorgedrungen zu sein.

Und wenn sie zu dieser Erkenntnis, also zu der Erkenntnis, wie jemand eigentlich war oder sein sollte und wie er tatsächlich war, gelangt waren, dann waren sie am Ziel. Sie nahmen dann eine gedankliche Korrektur der Abweichung vor und hatten ab da quasi zwei Welten im Kopf: die tatsächliche Welt, die sie sahen und die authentische, richtige, ursprüngliche Welt, die niemand sehen konnte, die aber als Gedanke in ihrem Kopf existierte. Und in dem Aufrechterhalten dieser gedanklichen Zweitwelt fühlten sie sich denen überlegen, die lediglich auf der ersten Stufe mit dem lebten, was sie sahen. Und irgendwie schienen alle immer felsenfest davon überzeugt zu sein, dass lediglich sie selbst und möglicherweise noch einige wenige Miteingeweihte Einsicht in den eigentlich gewollten Zustand der Welt hatten.

Und auch die Verkäuferin stand kurz vor einem solchen persönlichen, individuellen Einsichtserlebnis mit Philipp, dachte er, denn als er eben hereingekommen war und gesagt hatte »Guten Tag, ich suche eine Lederjacke« hatte sie zuerst sehr skeptisch seinen Anzug, seine Krawatte und seine Nickelbrille und, zumindest bildete er sich das ein, auch seinen Ehering gemustert und dann nach einem klassischen, lang geschnittenen Modell gegriffen und es ihm hingehalten. Daraufhin hatte er gesagt »Nein, etwas sportlicher, dachte ich schon…« und sie hatte ihm ein weiteres Modell hingehalten und dann hatte Philipp, der die Marke schon beim Betreten des Ladens auf einem Nebenregal gesehen hatte, sie höflich aber bestimmt zur Seite geschoben und hatte sich das Modell »Nashville«, das er jetzt trug, selbst aus dem Regal genommen, was er natürlich auch von vornherein hätte tun und die Verkäuferin in Ruhe lassen können. Sie hatte ihn dazu skeptisch angeschaut und dann, nachdem er in die Ankleidekabine gegangen und seine Anzugjacke aus- und die Lederjacke angezogen hatte und wieder herausgekommen war und dann nach einem Blick in den Spiegel sie angeschaut und mit einem Fragen in den Augen zu einer Einschätzung aufgefordert hatte, eben gesagt: »Sie müssen sich halt überlegen, ob Sie der Typ für diese Jacke sind…«.

Er sah seinem Spiegelbild jetzt direkt in die Augen. Es war natürlich der Verkäuferin andersherum nicht vorzuwerfen. Vielleicht glaubte sie auch gar nicht wirklich, dass es so etwas wie einen Typ gab, dem man gerecht werden musste, sondern sagte das einfach nur, weil sie gelernt hatte, dass die Mehrzahl der Kunden es schätzte, wenn sie sie darauf hinwies, dass sie möglicherweise nicht der Typ für ein bestimmtes Kleidungsstück waren oder vielleicht auch, weil ihre Chefin ihr gesagt hatte, sie solle darauf achten, dass die Kleidung, die sie empfahl, zum Typ desjenigen passte, der sie anprobierte. Und tatsächlich, dachte Philipp, dass das natürlich auch klar war; dass man mit der Einsicht, dass es so etwas wie einen Typ tatsächlich gar nicht gab, wie mit jeder großen Einsicht zunächst einmal allein war und dann rausgehen und Leute davon überzeugen musste, dass diese Einsicht oder die aus ihr entspringende Erkenntnis richtig war; der richtige Weg war.

Er schaute noch einmal in den Spiegel. Ehrlicherweise war er, nachdem er sich jetzt so lange und intensiv mit und über diese Jacke auseinandergesetzt hatte – auch Louise war ja heute Morgen skeptisch gewesen, als er ihr die Jacke auf der Seite gezeigt hatte und hatte ihn prüfend im Profil angeschaut und sehr gedehnt »weiß ich nicht…« gesagt – nicht mehr in der Lage, wirklich objektiv zu beurteilen, wie gut sie an ihm aussah.

Und auf einmal fragte er sich, ob sie Recht hatten. Ob es, gar nicht im übertragenen Sinne, sondern ganz in echt, einen Typ gab. Einen Typ, der in ihm wohnte, in seinem Inneren, in seinem Wesen, in Ihm, und der genau so aussah wie er und auch so sprach und sich so bewegte wie er und der tatsächlich einen sehr konkreten Kleidungsstil hatte und auch darüber hinaus eine sehr konkrete Art, die
Dinge zu sehen und zu tun und zu dem möglicherweise so eine Lederjacke einfach überhaupt nicht passte.

Constantin Klemm auf Twitter und auf Instagram. Die Berliner Morgenpost über „Beckenrand“, den Debut-Roman von Constantin Klemm. „Beckenrand“ beim Dittrich Verlag.

Photo: Sarah Berger für Radikal light.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.