Kingsize Kathmandu

So wie viele Menschen das Rollen des Schiffes in den Gliedern spüren, nachdem sie nach schwerem Seegang von Bord gehen, habe ich das Gefühl der Serpentinen der Himalaya-Pässe im Gemüt. Zwei Monate bin ich nun in diversen schrottreifen Bussen, Jeeps und Minibussen unterwegs, um die entlegensten Ecken des Dachs der Welt zu erkunden. Die Vorstellung einer kerzengeraden Straße entlockt mir Hochgefühle. Doch vielmehr bin ich damit beschäftigt meinen Körper in der Fliehkraft der unendlichen Kurven aufrecht zu halten. Ein Kraftakt, denn die Fahrer bringen ihre Gefährte bis an den Rand der Fahrtauglichkeit. Oft klammert sich der Wagenlenker am Haltegriff seiner Türe fest, um selbst nicht aus dem Sitz geschleudert zu werden. Dieser Anblick allein wäre nicht allzu bedrohlich, würde man nicht zusätzlich von der Straße in einen gähnenden Abgrund blicken, in dem weit unten ein Gebirgsfluss tobt. Ein Sturz hinab würde den sicheren Tod bedeuten, warum ich immer wieder von unendlichen Ängsten heimgesucht werde, kommen wir dem Abgrund mit unserem Vorderreifen zu nahe, oder aber der Fahrer rast hupend einer unübersichtlichen Kurve entgegen ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln. 

Ich habe einen Weg gefunden meine Dämonen der Angst zu besiegen. Eine Art Selbsterhaltungstrieb, um in den Serpentinen nicht völlig verrückt zu werden. Man könnte es mentale Meditation nennen, oder ein Abdriften in Wunschvorstellungen. Dabei muss man seinen Puls drosseln, die Augen leicht schließen und sich dann mental in eine angenehme Situation versetzen.

Und schon stehe ich vor dem Kühlschrank im Späti meines Vertrauens am Rosenthaler Platz und greife mir ein kaltes Berliner Pilsener. Große Schlucke nehmend, biege ich in die Torstraße ein. Am Ende dieser Straße ein kurzer Blick in die Bravo Bar, Johannes Finke legt auf, ein Drink, zwei Drinks, dann geht es wieder hinaus, um die Ecke auf die Friedrichstraße. Von weitem erkennt man schon die Menschenansammlung, die sich vor dem kleinen Eingang des Kingsize gebildet hat. Langsam pirsche ich mich an, Frank steht wie ein Monolith an der Türe, mein Haar ist offen, mein Bart lang, Frank meint: „Hippies always welcome!“ und lotst mich um die Wartenden herum zum Eingang. Ich soll selber aufschließen, wahrscheinlich ein Test, um zu sehen, ob ich nicht doch zu viele Wegbiere intus habe. Die Türe öffnet sich und ein Geruch von Schweiß, Parfüm, Alkohol und Zigarettenqualm weht mir entgegen. Es befinden sich so viele Menschen im Inneren, dass man kaum mehr hinein gelangt. Die Beats dröhnen, eine Energie liegt in der Luft, die sofort Lust auf Party macht. Ohne Umschweife drücke ich mich zur Bar vor, Roman arbeitet, er macht mir eine Geste, dass ich mich kurz gedulden soll, dann beginnt er mir einen Moscow Mule for free zu mixen. Ich bezahle das Gratisgetränk mit einer Kusshand und versuche dieses dann durch die Menge zur Tanzfläche zu balancieren ohne zu viel davon zu verschütten. Die Tanzfläche ist bereits so überfüllt, dass kaum jemand Platz zum Tanzen findet, Ausdruckstanz ein Ding der Unmöglichkeit. Man berührt sich, zwinkert sich zu, versucht sich zu unterhalten, unterhält sich selbst. Kurze intensive Blicke zwischen den Basslines, blondes Haar fällt mir ins Gesicht, trunkener Smalltalk von dem man bei dieser Lautstärke nur etwa 15 Prozent versteht. Der Moscow Mule ist leer und ich versuche mich erneut zur Bar durchzuschlagen, ohne auf zu viele Füße zu treten. Wie Teig in einer Spätzle-Presse drücke ich mich zwischen Körpern hindurch, die wohl duften, stinken, geil sind. Ich passiere ein hübsches Mädchen und gestehe ihr: „Ich mag Deinen Stil!“ 

Roman reicht mir ein Bier über den Tresen, ich übergebe ihm einen Schein, er rechnet mir den Artist Night Price ab, was ich mit einem erneuten Luftkuss quittiere. Auf dem Rückweg zur Tanzfläche spricht mich das Mädchen an, dessen Style ich liebe. Hoch geknöpfte weiße Bluse – Patti von Acne, schwarze Jeans, ihr Arsch sieht einfach geil darin aus, dazu die Pistols. Ein Luxusgirl aus der Schweiz, Kunstmaklerin aus Zürich, Suzana ihr Name. Nach kurzem Smalltalk, von dem ich wieder nur 15 Prozent verstehe, und tiefen Blicken, kaufe ich einen Longdrink für sie und ein weiteres Bier für mich und geleite sie dann an der Hand durch die Menge zum hinteren Raum vor den Toiletten. Tatsächlich, ein Sitzplatz ist noch frei und wir drängen uns zusammen auf die kleine Bank. Wir kommen uns näher, mein Herz schlägt lauter als die Musik, mein Gesicht ganz nah bei Suzanas, ich kann ihr süßliches Parfum schnuppern. Unsere Münder treffen sich ganz zufällig und wir beginnen zu knutschen. Erst nur mit den Lippen, dann tiefe Zungenküsse, ich schmecke den Alkohol, den sie getrunken hat, ich schmecke meinen Alkohol, Suzana kann richtig gut knutschen. Ich nehme sie in den Arm, streichele ihr über den Rücken, sie platziert ihre Hand auf meinem Oberschenkel, ich bemerke wie mein Schwanz hart wird. Sie streichelt den Oberschenkel hinauf und berührt ganz sanft meinen Penis. 

„Lass uns zusammen auf die Toilette gehen!“ fordert sie mich auf und wir warten kurz bis niemand mehr darin ist, dann huschen wir zusammen hinein und verschließen die Türe. 

„Ich will, dass Du mich hier drinnen ordentlich durchfickst!“ haucht sie mir entgegen und natürlich lasse ich mir das nicht zwei Mal sagen. Hastig knöpfe ich meine Jeans auf, während sie ihre in die Kniekehlen zieht. Suzana beugt sich vorne über und will, dass ich sie von hinten nehme. Ich ziehe meine Hose hinunter, mein glühender Schwanz poppt hinaus. Ich platziere mich hinter ihr, finde ihre Arschbäckchen so hammergeil, spucke mir auf den Mittelfinger, um ihre Feuchtigkeit anzutesten, als…

„Hey you, we arrived in Kathmandu! You have to leave the bus!“ Genau das will man in diesem Moment nicht hören. Aber tatsächlich, ich schaue hinaus auf den Busbahnhof der nepalesischen Hauptstadt. Taumelnd verlasse ich den Bus und laufe breitbeinig wie Seefahrer um den Bus herum, um meinen Rucksack in Empfang zu nehmen, der vom Busdach geworfen wird. Danach feilsche ich um den Taxipreis und lasse mich in den Stadtteil Thamel chauffieren, in dem es die meisten Billigunterkünfte gibt. 

Es ist der 25. April 2015. Seit zwei Tagen befinde ich mich nun in Kathmandu. Es ist an der Zeit meine Mails zu checken. Als ich durch die Neuigkeiten von Facebook scrolle, muss ich schmerzlich erfahren, dass das Kingsize seine Abschiedsparty gefeiert hat. Eine Träne der Trauer rollt mir augenblicklich die Wange hinunter und ich gedenke all den Partys, der Musik, der Frauen, dem Alkohol. Von nun an Stille. 

Als ich das Internetcafé verlasse ist es 11.45 Uhr. Keine zehn Minuten später erschüttert Nepal eines der schwersten Erdbeben seiner Geschichte. Die Stärke wird mit 7.9 auf der Richterskala gemessen. Das Epizentrum befindet sich etwa 50 Kilometer westlich von Kathmandu. Die nepalesische Hauptstadt verschiebt sich dabei um drei Meter, der Everest sinkt um wenige Zentimeter. Um die 9000 Menschen müssen die Naturkatastrophe mit dem Leben bezahlen, viele werden verletzt, noch mehr obdachlos. Ich bin mir absolut sicher, dass das Erdbeben mit der Schließung des Kingsize zu tun hat. 

„Kingsize Kathmandu“ von Boris Guschlbauer stammt aus der 2017 erschienenen Anthologie „Nutzloses Gesindel – Geschichten aus dem King Size“. Bisher aus diesem Buch hier erschienen sind „Das trunkene Schiff“ von Udo Tietz, „King Size III.“ von Julia Schramm,„Ich hab es nie gefühlt – Über eine Liebesgeschichte, die keine wurde“ von Daniela Wilmer, „Dicht an dicht“ von Johannes Finke, „Church“ von Constantin Klemm, „Epiphanie der Venus“ von Sophie von Maltzahn und „Artist Night“ von Norman Ohler.

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