Artist Night

Ich war letztens dort zur Artist Night. Es war gerade mal zehn Uhr und nichtmal Frank war da. Ich rief ihn sofort an: „Ich versteh die Welt nicht mehr. Ich bin im King Scheiß, und du bist nicht da.“

„Ich bin noch zuhause. In zehn Minuten fahre ich los. Hast du schon Venus kennengelernt? Schau dir mal an, wer hinter der Bar steht. Ein süßeres Mädchen hast du noch nie gesehen.“

„Hier ist schon ganz schön was los“, sage ich.

„Scheiße. Ich komme.“ Frank legt auf.

An der Bar steht eine gut aussehende Frau und bestellt ein Bier und erklärt, als Venus 5 Euro dafür haben will, dass heute eben Artist Night sei und das Bier nur die Hälfte koste. Venus denkt kurz nach. „Aber früher war das Mittwoch!“, entgegnet sie lächelnd. Und Mittwoch haben wir ja nicht mehr auf.“

„Ja genau, deshalb ist Artist Night ja auf Donnerstag gerutscht“, sagt schlau (oder zutreffend) die gut aussehende Frau, die Tene heißt und aus München stammt. Ihre Mutter kommt aus dem Senegal und wollte als Tänzerin ausgerechnet in Bayern arbeiten. Im Englischen Garten hat sie sich dann in einen Regensburger verliebt. Daraus ist Tene entstanden, von der alle denken, dass sie „Afrikanerin“ sei, wie sie mir sagt, indem sie die Augen verdreht. Dass sie Münchnerin sei und viel Bier trinke und Bayern München-Fan sei, das würde die Leute aufgrund ihres Aussehens immer stark irritieren, was sie ein wenig lächerlich findet.

Sie versteht sich gut mit der Gattin des Dr. Dr. (er macht gerade seinen 3. Dr. – er wäre damit der einzige in Deutschland) Julien v. Reitzenstein, lehrend an den Universitäten Greifswald, Düsseldorf und Sofia, SS-Ahnenerbeexperte (was es nicht alles gibt!). Er erklärt mir beim Gin Tonic, was gute Garderobe heißt: nachlässig stilvoll, wenn man also die Regeln kennt und es sich leisten kann, damit zu spielen. Parteipolitisch etwas schwer einzuschätzen, wahrscheinlich einer der letzten Alt-Liberalen, ein aussterbender Menschenschlag. 

Es heißt immer, es sei so unglaublich schwer, in diese winzige Bar, diesen stil-elitären Zirkel, eingelassen zu werden. Dabei arbeitet die Tür seit Jahr und Tag nach dem Motto „Selektion ist Perversion“. Jeder darf hinein, „außer unbekannte Männer ohne Damenbegleitung“. Eine derartig ausgefeilte Methodologie kommt nicht von ungefähr. Frank hat sie sich in jahrelanger Arbeit angeeignet. Um hinter dieses Erfolgskonzept zu steigen, muss ich etwas ausholen und gehe zurück in die berüchtigten Neunzigerjahre, als ich ihn häufig in der Torstraße besuchte, wo er zusammen mit einem Kohleofen lebte. Ein Abend ist mir in besonderer Erinnerung, auch wenn dabei rein gar nichts Außergewöhnliches passierte. Frank saß auf seinem schwarzen Kunstledersofa und schaute sich im Fernsehen Fashion TV an. „Du siehst fertig aus“, sagte er zur Begrüßung und ließ sein Benzinfeuerzeug aufschnappen, zündete sich eine Gitane an. Fotos barbusiger Modelle hingen an den Wänden überall, getreu seinem Motto: Ich suche nach der größtmöglichen Oberfläche – darin suche ich Tiefe. Titten halt. In der Ecke stand ein riesiger Jim Avignon. Den hatte der Gerichtsvollzieher verschont, weil nicht erkannt. Ich erzählte ihm, dass ich mich gerade von meiner Freundin getrennt habe, weil sie polygam leben wollte. Frank erklärte mich sofort für verrückt: „Mono-!“ Er schüttelte den Kopf, „gamie“, er spuckte das Wort aus wie einen alten, geschmacklosen Kaugummi. „Monogamie will heutzutage keiner mehr sehn! Sie muß Gene sampeln. Ganz normal. Ihr hattet doch keine Kinder. Wir gehen in ein biologistisches Zeitalter, mein Freund.“

„Treue. Träume“, entgegnete ich schwach.

„Spießer.“

„Auf dem Höhepunkt unserer Beziehung!“ Ich schüttelte den Kopf.

„Meinst du, sie hat‘s schon mit anderen gemacht?“

„Das ist völlig egal. Was zählt, ist die Intention. Der Intention folgt die Energie.“

„Wusste gar nicht, dass du so ein moralischer Mensch bist.“

„Hab grade versucht, dir zu erklären, dass es eine physikalische Angelegenheit ist. Eine mentale Sache höchster Rangordnung. Das hat mit Moral nichts zu tun. Moral schwingt viel tiefer.“

„Ich versteh dich nicht“, sagte Frank und schaute auf den Monitor, den Backofen der bunten Bilder.

“Hast du Bier?“

„Orangensaft aus dem Karton“, antwortete er. „Du weißt doch, ich trinke nicht.“

„Wenn man dich besucht, spürt man die weltweite Wirtschaftskrise mal so richtig unmittelbar am eigenen Leib. Das ergänzt die ganzen Medienberichte mit einer Art Authentizität. Sehr angenehm, bei dir zu frieren und nix zu trinken zu bekommen.“

„Laß es dir an allem fehlen!“ Er grinste.

„Wirklich schweinekalt bei dir.“ Ich ging zum Ofen rüber und hielt eine Hand an die Kacheln. „Ich habs an den Polypen.“

„So ein Ofen zwingt zu absolut disziplinierter Lebensführung“, entgegnete Frank. „Es ist ja nicht damit getan, zweimal am Tag zu heizen oder so. Man muß ständig auf der Hut sein, alle paar Minuten die Kacheln berühren, um die Wärme zu prüfen, ständig Briketts nachlegen und aus dem Keller holen. Dauernd Asche auskippen. Fegen. Der Ofen wird durchaus nicht spontan warm. Er steht in der Ecke wie eine Trutzburg. Erstaunlich, wie stark sich die Menschen verändert haben in diesem Jahrhundert. Wie werden also die Leute in dreißig Jahren so drauf sein? Wird ihnen unser Verhalten nicht rückschrittlich vorkommen? Nein, sie werden Toleranz zu ihrer Geschichte entwickelt haben, große, stolze Menschen werden sie sein, mit manipulierten Genen. Nee, ich heiz nur bei Damenbesuch.“

„Mach mal ne Ausnahme, Mann“, sagte ich. „Ich friere zusätzlich innerlich.“

„Na gut. Man gönnt sich ja sonst nicht.“ Frank öffnete die Ofenklappe, legte ein Rekord-Brikett in die Brennkammer. „Aber jetzt sag mal, was meinst du mit Polypen?“

„Polypen – die kennst du nicht? Die wachsen sehr hässlich in der Nase. Die hat jeder. Sowas wie stationärer Schleim. Und wenns übel kommt, verknorpelt der und blockiert die Nebenhöhlen, den ganzen Winter lang. Erschwert die Atmung. Und wer nicht atmen kann, kann nicht ficken, das sagen schon die östlichen Meister. Ich hab mir die Polypen schon ein paar Mal rausnehmen lassen, aber die wachsen nach, diese Scheiß-Polypen. Die kommen immer wieder“, ich ließ mich zurück auf die Couch fallen, setzte mir meine schwarze Wollmütze auf, deren Stirnseite ein gesticktes Che Guevara-Icon zierte. Frank lag neben mir, im schweren, grauen Strickpullover, der seinen massigen Oberkörper überspannte. Schneeflocken klatschten gegen die beiden Fenster, die auf einen brüchigen Balkon hinausgingen. Berliner Winterwetter, na klar. Da wird einem nix vorgegaukelt. Der Duft von Holzkohlenasche durchzog die Luft wie alte Radiomusik. Ich blickte durch die Scheibe auf mein Auto, wie es langsam zuschneite und verschwand – als würde es ausradiert. Und auch der Rosenthaler Platz versank im Weiß, und alles war angenehm gedämpft, und die Schneeflocken tanzten wie Mückenschwärme um die Lichtkegel der Laternen herum. Ich rauchte die letzten Züge, spürte wie mich das Nikotin und die Kondensate an tausend Stellen berührten. An mehr Stellen, als selbst meine Freundin mich je berührte. Ich versuchte mich abzulenken, versuchte, einzelnen Flocken hinterherzuschauen, wie sie ständig die Richtung wechselten, die Luft durchquerten, als gäbe es die Schwerkraft nicht. Ach, hätte ich doch nicht diesen riesigen, sexuell gedemütigten Körper! Ach, wäre ich doch so klein wie eine Flocke, so kurzlebig kühl und wunderschön. Ich drehte mich um, betrachtete Frank auf dem Sofa sitzen und mich betrachten. Auch Frank Künster, der Infiltrator, ist ganz sicher keine Schneeflocke, auch er wird noch lange durchhalten müssen, ganz ganz lange. Ungemein deutlich spürte ich die Gravitation. Merkte, wie sie selbst auf Gedanken wirkt, auf meine Gefühle sogar, die mich nach unten zogen, in Richtung Erdmittelpunkt, durch alle Höllenringe hindurch.

„Du brauchst eine Neue. Das dürfte nicht allzu schwer werden.“

Plötzlich kommt Wildenbruch ins Kingsize herein, reißt mich aus meinen Gedanken. Er ist gerade aus Zürich angereist, mit französischer Freundin, fängt an, über Ibn Taymiya zu reden, Nietzsche, die Gemeinsamkeiten. Beide als Ablehner des modernen Systems, selbst der Verwendung moderner Chiffre. Der eine erfindet Salafismus, der andere proklamiert den Tod Gottes. Ibn Taymiya, im Übrigen, hätte der Luther des Islam werden können, doch die Geschichte verlief anders. Immerhin stoppte er die Mongolen vor Damaskus durch Formulierung der ersten Fatwa, was die Verfolgung von falschen Muslimen betraf. Einen solchen Schritt ist Nietzsche nie gegangen. Seine Religion des Zarathustra, empfangen im Hochgebirge von Sils-Maria, bleibt stets friedlich. Im King Size brennt deshalb auch eine ewige Flamme, irgendwo zwischen DJ Pult, Bar und dem undefinierten Bereich ganz hinten. Weil es ein Platz für Zarathustra ist.

„Artist Night“ von Norman Ohler stammt aus der 2017 erschienenen Anthologie „Nutzloses Gesindel – Geschichten aus dem King Size“. Bisher aus diesem Buch hier erschienen sind „Das trunkene Schiff“ von Udo Tietz, „King Size III.“ von Julia Schramm,„Ich hab es nie gefühlt – Über eine Liebesgeschichte, die keine wurde“ von Daniela Wilmer, „Dicht an dicht“ von Johannes Finke und „Church“ von Constantin Klemm.

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