WIE WIR HEUTE FREIHEIT NEU ERFINDEN MÜSSTEN. VON SARAH BERGER

Du liegst am Boden, alle Viere von dir gestreckt und starrst auf die runde, in die Zimmerdecke eingelassene Lüftung. An den Rändern hatte sich über die Jahre, die du dich niemals darum gekümmert hast – du hast es einfach vergessen oder verdrängt, du hattest keine Zeit für eine solche Einlassung und über die Jahre, die du dich niemals darum gekümmert hast, es immer wieder auf einen anderen, einen späteren Zeitpunkt verschoben hast, auf einen Tag in einer unbestimmten Zukunft, wenn mal nicht so viel los ist, irgendwann würdest du schon die Zeit aufbringen; und über all die Jahre, die du dir dem Problem mit der Lüftung zwar bewusst warst – fraglich auch, ob sie überhaupt noch intakt ist oder bedingt durch die zunehmende Verschmutzung gar nicht mehr funktionsfähig, vielleicht bereits so sehr geschädigt, dass mittlerweile gar keine frische Luft mehr durch die Wohnung geblasen wird? Du warst dir also all die Jahre dieses Problems bewusst, hattest aber keine Muße dafür und in all den Jahren deiner Ignoranz, Lustlosigkeit und der latenten Verdrängung all jener Dinge, die du nun mal tun musst als verantwortungsvolle, erwachsene Person, in all den Jahren hatte sich eine schwarze Staubschicht an den Rändern gebildet und nun müsstest du nicht nur die Filter in der Lüftung auswechseln, du müsstest auch die weiße Plastikverkleidung reinigen und zwar nicht nur bei der Lüftung im Wohnzimmer, sondern alle Lüftungen müssten gereinigt und die Filter ausgewechselt werden. Das bedeutet mindestens ein Tag Arbeit, schießt es dir durch den Kopf, während du am Boden liegst. Dafür hast du keine Zeit.

Schon seit einer ganzen Weile liegst du am Boden, alle Viere von dir gestreckt. Seit mindestens zehn, fünfzehn Minuten liegst du so da, starrst auf die Lüftung. Du hast die Übung, die seit einer ganze Weile schon immer und immer wieder unermüdlich auf dem Smartphone-Display von vorne beginnt, einfach nicht hinbekommen, den genauen Ablauf niemals verinnerlicht. Wie soll das gehen? Wie sollst du jeweils den linken Arm und das rechte Bein oder den rechten Arm und das linke Bein gleichzeitig durch eine Traktion der seitlichen Bauchmuskeln zueinander in die Höhe führen und immer so weiter, vier fünf zwanzig Wiederholungen will das Programm und dir gelingt nicht eine einzige, ohne mit der Rückenmuskulatur nachzuhelfen. Wie ein Fisch auf dem Trockenen robbst du den schwerfälligen Körper über den Boden. Das sieht doch albern aus, denkst du. Du willst nur noch Übungen machen, bei denen du auf dem Rücken liegend gut aussiehst – alles andere ist zu mühsam, zu aufwendig. Du willst dich überhaupt wenig bewegen, so wenig wie möglich, denkst du dir seit einigen Tagen. Einzig, dass mittags die Sonne besonders warm auf deinen Balkon scheint, veranlasst dich überhaupt noch dazu, aufzustehen, dich in den Schaukelstuhl zu setzen und hin und her zu wippen in der Sonne, auf dem Balkon, an einem dieser immer gleichen Tage. Es hat etwas Beruhigendes, denkst du, dass die niederländische Regierung den Alleinlebenden empfiehlt, sich für die anstehende Zeit 1 Sexbuddy zu organisieren. Dabei weißt du nicht, ob die Regierung selbst den Begriff Sexbuddy verwendete oder ob sich dieser Begriff lediglich besonders gut für eine griffige Headline eignete. Nachbarschaftshilfe, Gabenzäune, Geklatsche … ich bin mir sicher, dass wir uns in dieser schweren Zeit nicht allein lassen … und Sexbuddies … die Gesellschaft ist ganz schön sozial geworden in den letzten Wochen. Du könntest sogleich dein Repertoire an Leerstellen um 1 erweitern, beispielsweise als Angabe in deinem OkC Profil: Suche Sexbuddy für Lockdown – das war dein erster Gedanke beim Lesen des The Guardian Artikels: Dutch official advice to single people: find a sex buddy for lockdown.

Lann hatte ihn dir geschickt. Erst mitten in der Nacht hatte Lann auf deine 12,45 minütige WhatApp-Sprachnachricht geantwortet, dir nur diesen Link und ein lilafarbenes Herz geschickt. Du weißt nicht ein mal, warum Lann so lange gebraucht hatte, um dir zu antworten. Was hat Lann in all der Zeit gemacht, seit ihr euch kaum noch seht? Was hat Lann besseres zu tun, als deine Sprachnachrichten abzuhören und angemessen schnell darauf zu reagieren? Wenn es doch so dringend war und so schmerzhaft, das Allein-sein und der Entzug; an manchen Tagen waren sie viel zu real und du beteuerst in der 12,45 minütigen Sprachnachricht, die nächste Person, die dich umarmt, würdest du nie wieder loslassen. Und seit dir Lann diesen Artikel schickte, hast du ihn immer und immer wieder gelesen. Du hast ihn so häufig gelesen, du kannst ihn mittlerweile auswendig vor dich herbeten: Diese Empfehlung folgte auf die immense Frustration der entsprechenden Bevölkerungsgruppe über die Regelungen für Einzelpersonen, nach welchen Hausbesucher_innen einen Sicherheitsabstand von 1,5 Meter zur gastgebenden Person einzuhalten haben. Aber auch Wissenschaftler_innen und Journalistin_innen machten auf die Belange der Alleinlebenden aufmerksam. Linda Duits kritisierte in der Zeitung Het Parool das niederländischen Instituts für öffentliche Gesundheit und Umwelt (RIVM) scharf und argumentierte, Sex sei ein Menschenrecht: „Nähe und körperlicher Kontakt sind kein Luxus, sie sind Grundbedürfnisse“, schrieb Duits. „Wenn wir etwas aus der Aids-Epidemie gelernt haben, ist es keine Option, keinen Sex zu haben.“ Die Leitlinien des RIVM wurden dahingehend korrigiert, dass Personen ohne feste Partnerschaft zu einvernehmlichen Vereinbarungen mit Gleichgesinnten kommen sollen. Das RIVM räumte ein, dass es Sinn mache, dass auch alleinlebende Personen oder Personen, die nicht in einer klassischen Paarbeziehung leben, unter dem Mangel von physischem Kontakt leiden, warnte jedoch, dass die Risiken einer solchen Intimität wohlbedacht organisiert werden sollten: „Besprechen Sie, wie dies am besten gemeinsam durchgeführt werden kann“, schlägt das RIVM vor. „Treffen Sie sich zum Beispiel mit derselben Person, um körperlichen oder sexuellen Kontakt zu haben (zum Beispiel mit einem Kuschelbuddy oder einem Sexbuddy), vorausgesetzt, Sie sind frei von Krankheit. Treffen Sie mit dieser Person gute Vereinbarungen darüber, wie viele andere Personen Sie beide sehen. Je mehr Menschen Sie sehen, desto größer ist die Chance einer Verbreitung.“

Du kannst eine Person nicht ewig lange kennen lernen, ohne mit ihr Sex zu haben, schoss es dir sogleich durch den Kopf beim Lesen des Artikels. Ohne mit ihr Sex zu haben, wirst du sie vielleicht niemals ganz kennen lernen. Ohne sie zu umarmen und ihr durch die Haare zu streichen, ohne sie fest an dich zu drücken, ohne dich ihr ganz und gar hineinzuwürgen. Lann hätte das wissen müssen. Lann hätte wissen müssen, dass dich dieser Gedanke, diese Vorstellung, diese Idee, hattest du erst einmal die Headline gelesen, nie wieder loslassen würde. Du bist einfach nicht monogam genug für einen Sexbuddy, schoss es dir durch den Kopf. Lann wusste das. Auch dass du über mehrere Nachmittage hinweg immer wieder die Worte: Ich brauche dich ins Chatfenster tippen würdest, ohne auch nur einen dieser Versuche je abzuschicken. Stattdessen würdest du sie mehr als ein Mal in die Worte: Ich denke an dich korrigieren, dann aber auch diese Nachrichten allesamt nicht abschicken: Ich halte keinen weiteren Spaziergang mehr aus, tippst du stattdessen ins Chatfenster und drückst auf senden. Du führst doch kein Buch über die hunderttausend Leben, die du lebst und du wirst dir auch keines davon für immer aussuchen. Natürlich können wir unsere Kontaktkreise absprechen, denkst du. Du könntest nach jedem Treffen mit Nio vierzehn Tage warten, bevor du Lann triffst. Du weißt überhaupt nicht mehr, wann du Nio das letzte Mal gesehen hast, oder Lann oder all die anderen. Es kommt dir wie eine Ewigkeit vor und manchmal dehnt sich dieser Schmerz so sehr in dir aus, dass es dich zerreißen müsste aber nichts passiert, du verschwindest einfach nicht, du bist immer noch da und denkst darüber nach, warum Nio nicht mehr geantwortet hat auf deine Frage, was so los sei in Nios Leben. Wahrscheinlich hat Nio es einfach vergessen. Wahrscheinlich war deine Nachricht in einem dieser immer gleichen Tage untergegangen. Du fühlst das auch, dass sich die Tage so wiederholen und rein gar nichts Erzählenswertes passiert. Nicht mal von deinem Traum hattest du berichtet. Du lagst mit Nio im Bett. Richtig eng umschlungen, richtig nah wart ihr euch. Ihr wart euch so nah, eure Körper sind ineinander verschwommen. Ihr wart euch so nah, es gab keine Außengrenzen mehr und obwohl ihr so ineinander übergingt, lag doch jede_r für sich ganz gerade im Bett und plötzlich hast du Nio gebissen, oder Nio hat dich gebissen, du kannst dich nicht daran erinnern, wer damit angefangen hat, nur noch, dass ihr plötzlich mit einander gerangelt habt. Ihr habt euch durch den ganzen restlichen Traum gekämpft, immer schneller und wilder und nach einer Weile habt ihr euch darin verloren. Und dann überkam dich diese Angst: Was ist, wenn das wirklich die letzten Körperkontakte sind, die wir erleben.

Sarah Berger lebt in Berlin. Kürzlich von ihr erschienen „bitte öffnet den Vorhang“ im Sukultur Verlag.

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