Wanderful. Von Berlin in die Berge. Alpen statt apps.

Wanderful

„Das Recht auf Total-Enthemmung, das hier jeder für sich proklamiert, schien mir eher eine Spielart der Zwangsbeglückung zu sein. Sie war auch irgendwo Ausdruck des schlechten Gewissens des Kapitalismus, dass man denen, die man nicht am Reibach teilhaben ließ, erlaubte, tätowiert und mit gepierctem Schniedel ins Freibad zu gehen.“

Kunkel verlässt Berlin und zieht in die Alpen. Alpen statt apps nennt er das. Zusammen mit seiner Frau bezieht er auf 2000 Meter Höhe ein noch im Bau befindliches Chalet und fängt an sich ein- und aufzurichten und so langsam den Bewegungsradius zu erweitern, zentrisch kreisend um einen selbst gewählten Mittelpunkt aus Haus, Schreiben und Frau, sich dabei hinterfragen und mit dem dem großen Entschluss sich von Welt und Natur einfach auch mal überwältigen zu lassen, von Vergänglichkeit und Rhythmus, vom Zusammenspiel und der Gewalt der Gezeiten und dem Model Weitblick tatsächlich Weite zu verleihen. Sich selbst erst zurechtstutzen und dann wieder wachsen, als Autor, als Fremder, als Freund, Gatte, Mann, Mensch. Eine schöne Idee. Immer einen Versuch wert. Und Thor Kunkels Versuch ist ein beeindruckender. „Wanderful“ ist ein große Buch über Sehnsucht und den pragmatischen Umgang damit. Ein Reality-Check der ganz eigenen Art und ein unprätentiöses back to nature.

„Ich glaube, das wirklich Entscheidende ist, dass man bei der Ankunft noch lebt.“

In seinen Romanen führt Kunkel seine Protagonisten oft in Extremsituationen menschlichen Handelns, in diesem Buch ist er es selbst, der sich auf den Prüfstand stellt. Das von Kunkel in allen Facetten und mit viel Liebe beschriebene und gefeierte Alpenpanorama bietet dabei die richtige Kulisse für diese kritische Bestandsaufnahme unserer, von einer urbanen Avantgarde getriebenen Gesellschaft, in der sich Diskurs und Reflexion bis zum Stillstand beschleunigt haben.

Thor Kunkel
„Wanderful – Mein neues Leben in den Bergen“
Eichborn, 2014

 

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