Taubentreten. Eine Geschichte von Jonathan Löffelbein

An einem etwas zu warmen Februarmorgen, um 11 Uhr 24, ereignete es sich, dass H. begann, gut über 300 Tauben zu treten. Natürlich fragten sich die umstehenden Leute auf dem belebten und weitläufigen Marktplatz, was das zu bedeuten hatte. Warum da diese Person auf dem Marktplatz stand und mal sehr gezielt, geradezu bedacht, dann einfach nur wütend und trampelnd und stampfend Tauben zu treten suchte.

Natürlich passte dieser Mensch nicht in diese Szenerie, nicht jetzt, nicht hier. Der Februarmorgen, er war, wie es sich alle dachten, etwas zu warm. Nicht viel, einen Hauch nur. Aber man spürte schon den Sommer. Man merkte: der hat sich in der Luft festgebissen, der Sommer, der hat seine hitzigen Zähne in die Luft geschlagen, noch reißt sein Kiefer nicht, noch testet er Gewebe, aber die Zähne, die sind im Fleisch, und raus kommen sie nimmer. Eine aufkeimende Trockenheit am Gaumen beim Seufzen, wenn die Arbeit nach einem Körper verlangte. Ein Kitzeln um die Nasenlöcher beim Schnauben, wenn sich die Welt in die falsche Richtung drehte. Darin lauerte der Sommer, als wollte er sagen, warte nur, bald bin ich da, deine Gelenke zu verkleben, deine nassen Knochen in deinem Blut weichzukochen, auf deinem Kopf zu zerplatzen, denn alles, alles stirbt in mir, alles stirbt im Sommer. Denn wenigstens stirbt man in der Helligkeit.

Und die Leute auf dem Marktplatz spürten diesen Sommer, für einen Februarmorgen eben einen Hauch, einen bösartigen Hauch zu warm, und sie alle wussten es, so darf das nicht sein, wir haben den Sommer überfüttert, jetzt ist er zu stark geworden und unter ihm zerbricht die Welt. Aber dann seufzte man, weil die Arbeit nach einem Körper verlangte, oder man schnaubte, weil sich die Welt in die falsche Richtung drehte, und obwohl gerade darin der Sommer hockte, wie ein Keim, obwohl er dort wartete, hatten sie ihn schon vergessen. Vergessen vor Pflicht, vor Irritation.

Und um 11 Uhr 24, was für eine Uhrzeit, doch viel zu unscheinbar, um knapp 300 Tauben zu treten. Die armen Vögel, die hatten doch auch fast schon Mittag, die brauchten doch auch eine Pause. Und war 11 Uhr 24 nicht die Auszeitzeit schlechthin? Was konnte schon um 11 Uhr 24 geschehen? Nie war etwas bedeutsames, oder wenigstens redenswertes um 11 Uhr 24 geschehen, und jetzt das? Nein, 11 Uhr 24, das war eine Unzeit, eine Nichtzeit, eine Zwischenzeit. Eine Wartezeit, für Hungrige, Schläfrige, Ermattete, Angetriebene, sie alle warteten, dass diese grausam symmetrischen Ziffern endlich vorübergingen. 11 Uhr 24, das sich Steigernde, zweimal die Eins und dann das Exponentielle, ein Vortäuschen von Anlaufnehmen, von Veränderung. 11 Uhr 24 war Limbo, war gefrorene Zeit, in ihr gab es keinen Kern. Atomkraftwerke schmelzen sich nur Abends ein. Schüsse werden nur Nachts abgefeuert, damit sie ungesehen die Luft zerreißen. Banken werden nur Nachmittags gegründet. All diese Katastrophen wissen um Timing, um die Dramatik des Tages. 11 Uhr 24. Da wurden Butterbrote heimlich auf dem Klo verspiesen. 11 Uhr 24 aber schmeckte nach Staub, nach Asche der letzten Pausenzigarette und jedes Ausatmen war ein weiterer Jugendtraum, der aus der Lunge floss. Um 11 Uhr 24 war jeder Atemzug ein kleines Aufgeben, ja, danach schmeckte 11 Uhr 24. Und eben nach Butterbrot auf einem Klo.

Wonach 11 Uhr 24 nicht schmeckte, waren Taubenschreie, Taubeninnereien, Tauben die über Tauben stolperten, in Panik, in Aufruhr, Taubenschweiß zwischen den Flügeln, die Flucht verklebend. Und das spürten die Leute, dieses Spektakel hätte besser auf 20 Uhr 3 oder vielleicht sogar 2 Uhr 38 gepasst, nachts versteht sich.

Und auf dem Marktplatz, was trat diese Gestalt gut 300 Tauben auf diesem Marktplatz, was dachte sie sich? Wusste sie etwa nicht um die Geschichte der Steine, auf denen sie lief? Besser gesagt, auf denen ihre Füße mit aller Kraft niederfuhren? Oder war ihr diese Geschichte “absolut ordentlich scheiß egal,”, wie die Gestalt ein paar Mal ohne Zusammenhang aus sich brüllte, “so scheiß egal, alles, alles scheiß egal, soll der Hund drauf scheißen, soll der Hund die Scheiße fressen und sie nochmal rausschmeißen, diese Scheiße!” Denn dieser weitläufige Marktplatz, der leer war, dachte man sich die Menschen weg, war älter, als alle diese eben weggedachten Menschen zusammen. 

Im Mittelalter Zentrum des Luxus, der Tücher. Stoff wechselte Hände, Geld floss aus und in Taschen und dieser Strom ließ die Stadt anschwellen, zu viele kleine Fische im seichten Gewässer. Von außen war die quadratische Halle, die aus der Mitte des leeren Platzes stach, umgittert, schon immer. Stäbe aus Metall, um das einfache Volk einfach zu halten, um es wispern zu lassen, hinter vorgehaltener Hand. Doch im Schatten solcher Hände, da wachsen die Worte und aus Stoffen aller Farben, wurden Diamanten aller Facetten. Und so kam es, dass eine Gruppe von Neugierigen oder bloß Gierigen – und wer könnte ihnen diese Gier verübeln – eine Gruppe der Ärmsten, das gut über 300 Jahre alte Gebäude niederbrannte. Denn Diamanten, so hallte es hinter den Händen, Diamanten schmelzen nicht. Doch Holz brennt und Tücher brennen und auch Gierige und Arme brennen, wenn sie nicht weit genug weg vom Feuer, oder vom Arm des Gesetzes stehen. Und sie brannten aus beiden Gründen. Was übrig blieb: Knochengitter, Metallgitter. Ein mittlerweile unbedeutender Herrscher baute die Halle wieder auf, größer, schöner, mehr Gitter, überhaupt mehr Metal, dafür ein Guckloch, zum Versichern, dass dort bloß Tücher lagen. Doch die Zeit verging und aus Tüchern wurden Gewürze, wurde Schmuck, wurde Fisch, wurde Gemüse, wurden Mitbringsel. Und verliert ein Ort seine Bedeutung, sind Ängste nicht fern. Was, wenn dieser Ort nur der Anfang ist, fragen sich die Leute. Was, wenn alles immer weiter schrumpft. Erst dieser Ort, dann die Kirche zwei Straßen weiter, schließlich der Laptop und am Ende, dann muss ja auch ich schrumpfen, um in diese kleine Welt zu passen, nein, nein, das kann und darf nicht sein!, denken die Leute. Und schnell ersann man sich tragische Geschichten, die alle auf dem Marktplatz, in der Halle spielten, uralt waren sie, selbstverständlich. Eine Räuberbande habe hier gehaust und Revolution betrieben. Hexen hätten Gerechten geholfen und Herrschende verflucht. Das Gebäude stehe auf einem Felsengrab, ein unendlich tiefes Gebeinhaus, sich in die Erde schraubend, zu Wurzeln führend, von denen man nicht wissen wollte, wo sie endeten. Wurzeln, die zeigten, was vor den Menschen hauste. Aus diesem Loch sei das erste Leben gekrochen, in anderer Form aber, nämlich in keiner, unförmig, schleimig. Aber doch aus diesem Loch, von diesem Marktplatz sei alles entsprungen. Und wer diesen Platz nicht würdigte, würdigte wohl kaum die Menschheit. Wer trat schon in einer Wiege über 300 Tauben?

Und wenn schon nichts zu dieser Tatsache passte, weder das Wetter, noch die Uhrzeit und erst recht nicht der Ort, so fragten es sich alle, die es sehen konnten, sie alle fragten sich: Weshalb trat H. Tauben? Naturgemäß begannen sofort die ersten Spekulationen, sprangen von den heißen Köpfen wie Fieber. Einige suchten die Schuld bei den Tauben, suchten den Grund in ihren dreckbelagerten Flügeln, in denen Milben nisteten und stechendes Gekrabbel, gefüllt mit Krankheiten bis an den Rand. Was nicht stimmt, aber was hat die Wahrheit schon gegen die Angst vorzuweisen.

Andere taten das, was Mensch am besten tun und lasteten H. Bedeutung auf. Sah H. sich womöglich selbst als Taube? War dieser Mensch – war nicht jeder Mensch nur gezüchtet und schließlich verstoßen worden, wie all jene Tauben, die sich die Bahnhöfe und Innenstädte erobert hatten, nicht aus Bosheit, bloß aus Überlebensnot? Sie hatten ihren Zweck erfüllt, die Gesellschaft drehte sich ohne die Nachricht, am bekrallten Füßchen festgebunden, drehte sich weiter, ohne den Arm an der Maschine, den Flügel in der Luft, der Hand an der Sichel. War es nicht der Selbsthass, der durch H.s Beine zuckte, wenn Schuh auf Feder traf, Schnäbel und kleinste Äuglein aus den Schädeln schleuderte? Sah H. sich in den Tauben, ertrug er den Spiegel nicht? Oder bezogen sich H.s Tritte, die mal aus dem Hinterhalt, mal aus der Jagd heraus erfolgten, auf jene an diesen Platz gebundene Legende, die in den Tauben verwandelte Banker sah und dies war eine Rache am Schweinesystem? Die Tritte nach unten, nur Tritte nach oben?

Mittlerweile breitete sich unter H. ein Teppich aus verendenden Tauben aus. Röchelndes Gurren, zuckende Federn, ein letztes Abschütteln des Lebens. Graues Gefieder färbte sich Rot, schimmernde Nackenringe, wie in Öl getauchte Pfützen, vermischten sich, Grün zu Lila, Blau zu Schwarz, und dieses Rot, immer wieder das Rot, das allesdurchstechende Rot. Einige Vögel retteten sich, schwangen sich in die Lüfte, eher der Stiefel kam.

Die Leute um H. blickten entsetzt, schritten aber nicht in H.s Schritte ein. Ein paar schüttelten den Kopf, wie nur Menschen ihn schütteln können, die wissen, dass sie selbst keine Tauben sind, hinter vorgehaltener Hand, mit ruhigen Augen. Wenige zückten Handys, filmten, posteten, leiteten weiter, versahen ihren Daten mit Sprüchen. Sie alle teilten die Frage, die dort im Raum stand, die sich in der weite des Platzes und untern den schlaffen Taubenflügeln in den Wolken verlor: Weshalb trat H. Tauben? Die toten Tauben begannen zu riechen, es war ja schließlich ein etwas zu warmer Feburarmorgen. Die Mägen der Zuschauenden zogen sich zusammen, es war schließlich erst 11 Uhr 24. Die Kadaver wurden festgestampft, wuchsen fest am Platz, diesem viel zu alten Platzes, das gehörte sich nicht, nicht an diesem Platz. Weshalb also, weshalb trat H. gut über 300 Tauben? Wir wissen es nicht. Doch manchmal schien H. glücklich dabei.

Jonathan Löffelbein lebt in Köln und schreibt Texte, mal lustig, mal depressiv. Jonathan Löffelbein auf Twitter.

Foto: Henrike Dusella

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