Stein und Kugel. Ein Text von Tymon Bugla

Ich lege mich ins Bett, ziehe die Bettdecke hoch und prüfe ein letztes Mal mein Smartphone. Auf meinem Nachtschrank liegt ein vergessener Stein. Ich nehme ihn in die Hand und starre ihn an. Er passt leidlich in meine Faust. Meine Finger schließen sich nicht um ihn. Er könnte auch zwischen Hundescheiße am Wegesrand liegen. Er ist grau und hat Poren. Auf meiner Stirn abgestellt, übt er einen sanften Druck aus, das zarte Gefühl des Nichts. Er ist kühl. Wie hat dieser Stein es auf meinen Nachtschrank geschafft? Je länger ich den Stein zwischen meinen Fingern drehe, desto faszinierter bin ich von ihm. Er ist nicht einmal missgestaltet. Er hat nur eine ebene Fläche, um ihn abzustellen. Ansonsten ist er wie ein kleiner Berg, aber nicht richtig. Es ist halt das Musterexemplar eines unscheinbaren Steins. Seine fulminante Leere und Stumpfheit öffnen etwas, aber auch nicht mehr. Habe ich soeben die Meditation neu erfunden? Der Stein ist da, hat sich einfach aus dem Nichts um das Nichts gewickelt. Das ist ein Ding, denke ich mir im Sinne von: Dieser Stein ist eine unbegreifliche, große Sache, ein heillos unwahrscheinlicher Klumpen Materie umgeben von Abermilliarden an Lichtjahren aus überhaupt nichts. Was mache ich hier auf Erden? Ich bin ein Wunder! Ich richte mich im Bett auf, sitze da mit dem Stein in der Hand und starre ihn an. Dann werfe ich mich zurück und schließe die Augen, schließe den Stein fest in meine Hand. Nach einer halben Stunde ist der Stein warm gefummelt. Meine Handfläche juckt – nicht vom Stein, einfach so. Ich kratze die Stelle mit dem Stein und lege ihn auf das Bettlaken. 

Es gibt Leute, die sich für Steine interessieren. Ich habe mal mit einem Geologen ein paar Gläschen Wodka getrunken. Ich tippe in die Suchmaschine alle Einzelheiten ein, die mir an dem Stein auffallen und da steht es: Kalkstein. Und mit ein wenig Gewische finde ich meinen. Es ist ein im Jura entstandener Kalkstein. Ich tippe Jura-Kalkstein in die Suchmaschine. Der Jura bezeichnet eine Zeit vor 201 Millionen bis vor 145 Millionen Jahren. Stimmt das, gibt es die Erde schon so lange? Ich kann mir nicht einmal eine Million in Jahren vorstellen. Dagegen bin ich eine Eintagsfliege. Bewundernd schaue ich den Stein an, der neben dem Smartphone auf dem Bettlaken liegt. Nun stellt der Stein alles in meinem kahlen Zimmer in den Schatten. Er ist quasi ein aus Staub erwachter Diamant. Eine Spezies, die völlig unbemerkt neben mir existierte. Dieser Stein hat das Tethysmeer gesehen, die Dinosaurier und längst zerfallene Kontinente. Himmel, hilf! Ich versuche alles über meinen Stein herauszufinden, aber viel mehr gibt es nicht. Dass er durch Sedimentierung entstand, nüchtert meine Verzückung leicht aus und ich lege das Smartphone weg. Ihn stelle ich wieder auf meine Stirn. Er ist warm. Ich schiebe ihn mir langsam über die Gesichtshaut bis zur Wange. Man könnte sagen, ich streichele mich mit dem Stein. 

Eine halbe Stunde später beschließe ich zu schlafen und schalte das Licht aus. Der Stein liegt fest in meiner Hand. Es gibt nur zwei Dinge, die ich nicht mit ihm getan habe. Ihn zu lecken und in meinen Mund zu stecken. Ich fürchte meine Zähne durch Letzteres zu beschädigen. Mit dem Lecken will ich noch warten. Als ich Jura las, wusste ich gleich, wo ich ihn her habe. Aus dem Jura-Gebirge. Der Urlaub ist schon etwas her. Seitdem lag der Stein unbeachtet neben meinem Bett. Ein letztes Mal berühre ich mit dem warmen Stein meine Wange und lege ihn zurück auf das Schränkchen. Er fehlt mir und ich bilde mir ein, er läge weiterhin in meiner hohlen Hand, die ich fest schließe, aber es hilft nichts. Er fehlt mir. Doch ich will nicht, dass er im Schlaf vom Bett fällt. Das Geräusch könnte mich wecken. Ich will auch nicht, dass er in der Nacht unter mich rutscht. Ich stelle mir vor, jemand käme in mein Zimmer, während ich schlafe, und sieht den Stein neben mir auf dem Bettlaken liegen. Was gäbe es da zu denken? Wie kam der Stein in mein Bett? Man wäre verwundert. Ich schlafe ein. 

Mein erster Gedanke nach dem Aufwachen ist der Stein und nicht das Smartphone. Ich hole ihn zurück ins Bett und halte ihn fest. Einige Minuten später stehe ich auf und putze mich heraus fürs Nichtstun. Als ich erfrischt bin, blicke ich in den Badezimmerspiegel und sage: „Guten Morgen, wie gehts? Mir gehts gut, alles gut.“ Während ich mir Kaffee aus dem Automaten im Wohnheimflur hole, grinse ich übertrieben, um meine Glückshormone zu stimulieren. Das hat mir mal ein Weiterbilder empfohlen. Ich drücke mir eine Emo durch die Alufolie der Pillenpackung und schlucke sie mit dem Kaffee runter. Es gibt eine Synthese aus Yoga und Bouldern, die mich von meinen Problemen erlöst. An diesem Abend knote ich im Stil des Shibari einen Faden um den Stein und schlage einen Nagel in die Decke, woran ich ihn aufhänge. Nun kann ich den Stein besser berühren und muss ihn nicht zurück auf den Nachtschrank legen, um sicher zu schlafen. Optimal ist das nicht, aber ein gelungener Kompromiss. 

Als Kind liebte ich das polnische Jura-Gebirge. Ich bin hinterm Haus meiner Oma umhergestreift und habe Ammoniten gesucht, fand jedoch nur rötliche, scheinbar versteinerte Pistolenkugeln unterm Geröll am Wegesrand. Sie stammten aus dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg. Bis zu 80 Millionen Menschen starben aufgrund des Zweiten, was 4,8 Milliarden Lebensjahre ausmachen würde, wenn man für jeden dieser unter Zahlen verscharrten Menschen eine Lebenszeit von 60 Jahren halluziniert. Die Erde gibt es seit 4,6 Milliarden Jahren. Heute Nacht schlafe ich nicht durch, denn der Nagel rutscht aus der Decke und der beschissene Jura-Kalkstein schlägt mir gegen den Kopf. Er fiel nicht tief und der Schlag war nicht heftig, aber ich pfeffere ihn tobsüchtig durchs Zimmer und muss versuchen mich zu beruhigen: „Dennoch ist es gut, alles ist gut. Vielleicht nicht? Gut ist es, verflucht, und wer da sagt, dass es nicht gut ist, dem gehört eins in die Fresse!“ Habe ich am Abend vergessen meine Emo zu schlucken? Schnell eine Emo! Wo sind meine Emos? Eine Schwester kommt mit zwei Brüdern ins Zimmer geschwebt. Sie tragen grüne Gewänder. Die Schwester im Stil der Burka und die Brüder im Stil des Ku-Klux-Klan. Auf ihren Armbinden prangen Yin-Yang-Symbole. Sie fixieren mich mit Gurten. Ich habe wild um mich geschlagen wie ein Baby. „Wo ist mein Stein?“, schreie ich. „Ich will meinen Stein!“ Ein Ascheregen tobt durch das Zimmer. Eine Spritze trifft meine Armbeuge. Diamanten flimmern unter meinen Lidern und pures flüssiges Emo kickt mich in die Tiefe der Nacht.

Tymon Bugla lebt in Berlin.

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