SOMETHING REAL: Vom Einführen, Gleiten, Berühren. Von Sarah Berger

Im März erscheint bei Sukultur “bitte öffnet den Vorhang„, das neue Buch von Sarah Berger. Hier ein kleiner, erster Auszug:

Foto: Sarah Berger

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Obwohl ich Väinö auf Signal, Telegram, WhatsApp, Instagram, Facebook, Twitter, E-Mail und im Telefon blockiert hatte, erreichte mich einige Monate nach unserem beinahe dramatisch anmutenden break up im Treptower Park – Väinö würde an dieser Stelle behaupten, wir wären kein Paar per Definition gewesen, Beziehungen kommen und gehen, unsere war platonischer Natur, grundsätzlich gäbe es keine Verantwortung gegenüber anderen; auch gäbe es keine Antwort auf die Frage, warum sich Väinö nach vielen Monaten des intensiven Zusammenseins wortlos zurückzog, es wäre einfach nicht mehr wonderful gewesen, so sei das mit den anderen, für eine gewisse Zeit sei es wonderful und dann BAM KAWUFF BUMMS vorbei, und da gäbe es auch nichts zu bereden und vor allem keine Antworten – eine E-Mail mit PDF-Anhang. Väinö teilte mir darin mit, der Roman sei fertig, ich solle ihn lesen. Eine Figur sei sogar mir nachempfunden, ich hätte aber keinen Grund, mich aufzuregen, da es sich lediglich um eine Nebenfigur handle.

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Ich wollte vom Übergang schreiben, vom Übergehen: wie ich in dich übergehe. Vom Vermischen wollte ich schreiben, vom Vermischen unserer Teile, von den unendlichen Kombinationsmöglichkeiten unserer Teile wollte ich schreiben, weil du, DU behauptest, es gäbe unendliche Versionen unserer selbst, solange sich nur unsere Atome ein kleines bisschen anders anordnen: Die Ordnung macht aus uns Personen, Personen, die sich Vermischen und Kombinieren und ineinander übergehen, darüber wollte ich schreiben, vom Einführen, Gleiten, vom Berühren wollte ich schreiben, dass wir uns nur an unseren Körperöffnungen berühren können.

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Am Schreibtisch. Starre in den Durchbruch.

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Ich bin innen. Jeder Versuch, nach außen verständlich zu sein, gleicht dem Umstülpen eines Handschuhs. Wie ich mich drehe und wende, es entsteht ein Hohlraum.

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Wie sie sich abstrampeln, nur für den schnellen Fick, als hätten sie noch nicht die Hoffnung aufgegeben, als hätten sie noch Leben in ihren Genitalien. Und als ich dir von meinem Date erzähle, dieses eine jene, welches mitten in der Nacht eine Stunde vor meiner Wohnung wartete, um von mir durchgefickt zu werden, lachst du: Ja, so ist das Horny-Sein. Aber so hart, so hart wie neben dir auf der Couch zu sitzen, einen Film zu schauen, einfach so, als würden wir das jedes Wochenende machen oder abends, nach der Arbeit, als würden wir uns abends nach der Arbeit treffen, zusammen kochen, auf der Couch sitzen, Picknick am Wegesrand bingewatchen oder bepackt mit unseren Kameras entlang von Schienen schlendern und uns bei jedem vorbeifahrenden Zug festhalten, damit keine_r von uns vom Sog der vorbeifahrenden Züge erfasst wird, so hart wird dein cis Genital in meiner Gegenwart niemals sein. Und es ist mathematisch gesehen wahrscheinlich, dass zwei nackt schlafende Körper eines morgens wie zwei ineinander geschwungene S in doppelter Embryonen-Juxtaposition voreinander erwachen.

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In der Art und Weise, wie das Schreiben die Autor_innen von den Menschen trennt, bringt der Text die Menschen zu den Autor_innen.

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ARE YOU OPEN FOR SOMETHING REAL

Sarah Berger lebt in Berlin. Zuletzt von ihr erschienen „horror vacui“ in der aktuellen Ausgabe der Berliner Literaturzeitschrift metamorphosen.

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