Oh Zizou! Oh Zizou! Ein Text von Sofie Lichtenstein

Foto: Sarah Berger

Nicht auszuschließen, dass Zizou am meisten darüber erstaunt ist, dass sie es bis ins Finale geschafft haben. Über seine Verblüffung reden, zumal als Kapitän, kann er mit seiner Mannschaft nicht, das weiß er. Nicht jetzt, da es um den Titel geht. Er darf die Moral seiner Männer nicht erschüttern, unbedingter Siegeswille und grenzenloses Selbstvertrauen sind das A und O, um gegen die Italiener zu bestehen. Nichtsdestotrotz: Lilian ist keine sechsundzwanzig mehr, Claude gehört, gelinde gesagt, ebenso zum alten Eisen und auch er selbst, Zizou, der größte Spieler, den Frankreich je hervorgebracht hat… auch er kann nicht mehr ganz so schnell rennen wie noch vor acht Jahren, als er mit so klasse Kerlen wie Didier, Marcel, Youri, Frank und Bixente die Brasilianer deklassiert hat. 1998, als alles möglich schien, sie niemanden fürchteten, unbesiegbar, ja eines der besten Teams aller Zeiten waren. 1998, das Jahr, das ihn, Zizou, unsterblich gemacht, seine Karriere gekrönt, ihn in den Olymp befördert hat. Welch ein Triumph für seine Karriere wäre es, mit einem zweiten Weltmeistertitel aus der Nationalmannschaft zurückzutreten. Denn ja: Ob Sieg oder Niederlage, das heutige Spiel wird sein letztes sein, das ist beschlossene Sache, kein Rücktritt vom Rücktritt, Punkt aus.

 Zizou spürt, wie allmählich wieder dieses Gefühl von damals zurückkehrt, diese Magie, das Elektrisierende, die angenehme Anspannung, das Fieber, das notwendig ist, um für den Sieg zu brennen, zu brennen, als sei es das einzige, was zählt, das einzige, um ihn zu erlangen, diesen Pokal. Ja – doch!– das Ding holen sie sich, zum Teufel mit dem schlechten Omen des Auswärtstrikots, das sie im Gegensatz zu ’98 tragen sollen, das ist doch Aberglaube, Weiberkram, etwas für seine törichte Schwester, nicht für ihn und auch nicht für seine Jungs. 
Gleich geht es los, die Mannschaften stellen sich in Reih und Glied auf. Obwohl Zizou Franck nicht wirklich leiden kann, packt er ihn im Vorbeigehen einmal ermunternd an die Schulter, denn: Heute nicht, heute ist es völlig gleich, wer wen leiden kann, ob Franck ein Widerling ist oder nicht, heute sind alle Brüder, müssen alle Brüder sein, weil der Gegner Italien ist und nicht Franck oder Fabien oder vielleicht auch er selbst, Zizou – auch wenn er es selbst nicht glauben kann, ist er doch ein Vorbild für die Nation, jemand, der etwas geschafft hat, was noch keiner geschafft hat, ein Anführer. 

Endlich geht es auf den Platz, Zizou schreitet, die Reihe anführend, als erster an der Trophäe vorbei, die er vor acht Jahren in die Höhe gestemmt hat, in die Höhe gestemmt hat, als wäre sie eine Verlängerung von ihm gewesen, etwas, das ein Teil seines Körpers war, zu ihm gehörte wie seine Füße, seine Beine, sein Herz. 

Einen Augenblick muss er an seine Mutter und Schwester denken, die sich die Deutschen als Finalgegner gewünscht hatten. Die Deutschen, bei denen sich, ganz im Gegensatz zu Italien, das ein oder andere große Loch in der Defensive auftut; die weniger technisch beschlagen sind, bis auf Ballack keine Weltklassespieler in ihren Reihen haben; die schlicht der einfachere Gegner wären. Aber so sind die Frauen: Sie bevorzugen den Weg des geringsten Widerstandes, meiden die Gefahr – was ihnen als schwaches Geschlecht auch zusteht. Ein Mann allerdings ist kein Mann, wenn er nicht in der Lage ist, alle Teams zu schlagen. Nicht in der Lage ist, über den stärksten zu triumphieren. Wer sich nicht mit den besten duellieren will, hat den Titel nicht verdient. Und das sind die Italiener, die Besten, zumindest laut Einschätzung der Medien. Die Equipe geht als Außenseiter in die Partie. Von daher: Sollen sie ruhig kommen, die Italiener, Zizou hat keine Angst.

Spalier stehen. Nationalhymne. Erst die Italiener, dann die Equipe.

Erste Minute. Thierry am Boden. Alles, aber bitte nicht Thierry. Zizou schreitet zum Mittelkreis, wo Henry wie erschlagen daliegt. Er hatte die Szene nicht gesehen, aber es kann ja nur irgendein Italiener gewesen sein. Zizou vergisst ganz, Ruhe auszustrahlen, schaut bloß erschüttert auf Thierry, der nicht hochkommt, nicht mal für einen kurzen Moment den Eindruck erweckt, zu wissen, wo er ist. Danke, ihr Fotzen, murmelt Zizou in sich hinein, auf seinen Lippen kauend. Ja klar – zur Not muss David ran, aber David ist nicht Thierry, bei weitem nicht. Nach einer gefühlten Weile schafft er es doch irgendwie hoch, der Doc packt mit beiden Händen sein Gesicht, redet auf ihn ein, und Zizou muss jedes Wort mithören, Thierry, komm‘, komm‘, rede, Kopf hoch, komm‘, komm‘ zu dir, man! Tut er – in der dritten Minute.

Später heißt es, es sei ein Unfall gewesen. Zizou aber weiß, dass Cannavaro nicht ohne Grund gebremst hat. 

Fünfte Minute. Schon machen die Italiener Geschenke! Der Schiri hat gesprochen. Elfer! Liebe für Materazzi – haut der einfach Florent im Sechzehner weg. Kommt davon, wenn diese Schwuchteln versuchen, Leistungsträger mit miesen Fouls zu beseitigen. Die Frage, wer den Elfer schießt, stellt sich nicht. Zizou schreitet zum Punkt. Er weiß, es gibt keine Alternative zum Treffer. Auch wenn Buffon im Kasten steht. Denn zimmert er rein, ohne Ausfallschritte, mit Schmackes, da, wo Gianluigi nicht rankommt, Punkt aus. Kurzer Anlauf, zack, Buffon schon auf der linken Seite, Latte, hinter der Linie! er war hinter der Linie! Zizou darf jubeln, er macht’s einfach, macht’s einfach, damit der Schiri gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt. Tut er schließlich auch nicht. Glück für ihn.

Neunzehnte Minute. Verfickte scheiße nochmal, bei Pirlo sollten sie doch aufpassen! Der tritt Ecken, millimetergenau. Und warum steht Materazzi frei herum! Was machen Patrick und Lilian! Als könnte man sich so ein Ding gegen die Itaker leisten, Zizou fehlen die Worte. Und wenn er schon diesen Vogel Materazzi sieht, wie er grölt und den Zeigefinger in die Luft reckt – ins Gesicht möchte er ihm schlagen, was für ein widerlicher Typ. Diese Geste, als wäre er ein Tier, fast noch schlimmer als die empörende Lücke, die in der Defensive klaffte. Aber nur fast. Eins eins. Zizou beschleicht ein ungutes Gefühl, allerdings: Jetzt erst recht!

Siebenundzwanzigste Minute. Schon wieder. Warum steht da niemand. Warum kann scheiß Materazzi wieder köpfen! Immer noch nicht angekommen, dass Pirlo Ecken kann? Zizou schreit seine Equipe zusammen. Wenn sie Weltmeister werden wollen, sollen sie den Scheiß schnell bleiben lassen! Er kann nicht der einzige sein, der keinen Dreck zusammenspielt.

Vierunddreißigste Minute. Gattuso, Zuckerpass zu Toni, aber Lilian, Lilian mit Wundergrätsche, wie zu besten Zeiten in Juve. Er hatte ja auch etwas gut zu machen, urteilt Zizou, beim Ausgleich sah er schließlich nicht glücklich aus. Hält er dieses Niveau, gäbe es wenigstens auf einem Defensivposten keinen Grund mehr, Blut und Wasser zu schwitzen. Denn schwitzen tut er bereits durchs Hin- und Herrennen genug. Zizou dirigiert seine Männer. Auf Materazzi sollen sie aufpassen. Sie wissen ja, endlich hoffentlich, Ecken sind kreuzgefährlich. 

Fünfunddreißigste Minute. Wieder Pirlo, aber dieses mal mit Luca Toni und nicht Materazzi. Der Latte sei dank! Wollen die Zizou verarschen? Der Typ ist groß, Junge! und der kann köpfen! Große Kerle muss man decken! Schießen die Italiener noch ein Tor, ist es vorbei, dann ziehen die sich in die Defensive zurück und keiner kommt mehr durch. Wären bloß die Kartoffeln der Gegner und nicht die Itaker. Der Spielverlauf ist ärgerlich. Und Zizou weiß nicht so reicht weiter.

Halbzeit. Zizou bewegt sich auf die Katakomben zu, fühlt sich nach dieser ersten Hälfte, die nicht die Hälfte der Equipe, sondern die der Italiener war, wie ein geleertes Trinkpäckchen. Er kann sich nicht helfen, aber irgendwie – es fehlt diese Spannung von ’98, sie lässt sich nicht herstellen, so sehr er es auch versucht. Und er befürchtet, dass nicht nur er daran scheitert. Ist es das Alter? Die Übersättigung eines Weltmeisters, Champions-League-Siegers, italienischen und spanischen Meisters? Es ist doch nicht so, dass es keine Luft nach oben mehr gäbe. Die gibt es immer. Oder können sie es einfach nicht besser? Zizou lässt sich in der Kabine auf die Bank fallen. Aber er ist doch im Team. Der, wie es in allen Medien heißt, beste Spieler der Welt. Außerdem Franck. Thierry. Claude. Fabien. Patrick – auch wenn der heute den Bock abgeschossen hat. Nichts, was sie gespielt haben, war bisher zwingend gewesen – von dem Elfer einmal abgesehen. Die großen Chancen hatten die Italiener, und weiß Gott, wie viel Dusel die Equipe hatte, dass es nur bei Chancen geblieben ist. Wenn sie nicht sofort nach Wiederanpfiff spielen, als ginge es um ihr Leben, werden sie für die Itaker Spalier stehen müssen. Wenn sie das Tor nicht bis auf den Tod verteidigen, werden sie am Ende des Spieles wie Weiber heulen. Zizou erhebt sich, das Leeregefühl in den Gliedern ignorierend, und erinnert die Mannschaft daran, welches Spiel sie heute bestreiten. Ein Spiel, das nicht umsonst Spiel des Lebens genannt wird. Denn darum geht’s. Ums Leben. Dann stimmt er, für ihn völlig untypisch, die Marseillaise an, und alle steigen mit ein. Zu den Waffen, Bürger! Formiert eure Truppen! Marschieren wir, marschieren wir! Ja, verdammt!

Achtundvierzigste Minute. Thierry’s Hereingabe von Zambrotta gestoppt. Nichtsdestotrotz: Schöner Spielzug. So will Zizou seine Equipe sehen. Torabschlüsse. Sich nicht das italienische Spiel aufzwingen lassen. Leidenschaft. Kampf bis in den Tod.

Einundsechzigste Minute. Zizou zuckt zusammen, aber – Abseits! Abseits! Da braucht er gar nicht feiern, der Vogel. Stakkatopfeifen vom Referee. Wäre ja auch schlimm, hätte er’s nicht gepfiffen. Zu früh gefreut, du Fotzkopp, murmelt Zizou vor sich hin und spuckt auf den Rasen.

Zweiundsechzigste. Und Buffon hält ihn, Zizou schreit, einmal eine Chance, und dann hält der den Ball! Haben nicht nur die beste Verteidigung, sondern auch den besten Torhüter der Welt. Es ist zum Mäusemelken.

Hundertunddritte Minute. Der ist – Den hat er gehalten. Den hat er gehalten! Der war nicht zu halten! Zizou schreit. Perfekter Kopfball, vorbei an Buffon, und der angelt ihn aus der Luft! Was zur Hölle geht hier vor? Wen muss Zizou hier ficken, um den Ball ins Netz der Itaker zu kriegen!

Hundertachte Minute. Materazzi, der Vogel, soll die Griffel von seinem Trikot lassen. Wenn er’s haben wolle, könne er es nach dem Spiel bekommen, zischt Zizou ihm im Vorbeigehen zu. „Ich bevorzuge deine Schwester, die Nutte“, sagt Materazzi. Zizou drischt diese dreckige italienische Fotze mit dem Kopf um, und wie ein kreischendes Weib schreit Materazzi und fällt zu Boden, so als wäre er angeschossen worden. Solche Hurensöhne können Italiener sein. Der Schiri pfeift, jetzt muss er sich erklären. Er, Zizou, kann nichts dafür, es ist nicht seine Schuld, er hat, gemessen an der Beleidigung Materazzis, nichts Schlimmes gemacht! Okay gut, seinetwegen: Die Kopfnuss war möglicherweise unnötig, aber das ändert nichts daran, dass er sich im Recht befindet. Scheiße nochmal, dieser Hurensohn hatte es nicht anders verdient. Den Kiefer hätte er ihm eigentlich dafür brechen müssen. Nennt der seine Schwester Nutte, wieder und wieder. Am liebsten möchte Zizou nachtreten. Seine Jungs rennen zum Schiri, die wollen den natürlich gleich bequatschen, ahnen, dass ihr Anführer Opfer italienischer Hinterfotzigkeit zu werden droht. Ja, Materazzi, elendige Schwuchtel, tu nicht nur so, als würdest du wegen einer Kopfnuss verrecken, sondern krepiere wirklich, denkt Zizou bei sich, während er Materazzi dabei zusieht, wie er sich vor angeblichem Höllenschmerz auf dem Rasen windet.

Später wird sich die Welt fragen, was hat sich Zidane dabei gedacht? Und Zizou wird denken, Warum verteidigt ihr jemanden, der Schwächere beleidigt? Niemand beleidigt meine Schwester, dieses reine Wesen, das ist unverzeihlich, und wenn ihr das nicht versteht, seid ihr nicht besser als Materazzi. Ich entschuldige mich bei den Kindern, die das gesehen haben. Ich kann aber meine Handlung nicht bedauern, weil es bedeuten würde, dass Materazzi Recht hatte, es zu sagen. Ich kann es nicht, Ich kann es nicht, ich kann es nicht bedauern. Nein, Materazzi hat kein Recht, das zu sagen, was er sagt.

Der Schiri strebt auf die Mimose, die sich gibt, als wäre sie von einer Panzerfaust getroffen worden, zu. Theatralische Geste hier, theatralische Geste da. Ja, Mäuschen, ein Glück, dass du das überlebt hast, frauenhassende Fotze. Zizou ballt die Fäuste. Noch ein abfälliges Wort über seine Schwester, und es wird nicht sein Kopf, sondern seine Faust sein, mit der er Materazzi auf die Bretter schickt. Der Referee rennt zum Linienrichter, wechselt zwei Worte mit ihm, und eilt schließlich auf Zizou zu, um ihm die rote Karte zu zeigen. Zizou schaut den Schiri an, seine Jungs versammeln sich um ihn, und sagt, Materazzi hat meine Schwester als Nutte beschimpft! Keine Frau verdient das. Dafür kannst du mir keine rote Karte geben. Als Nutte! Was hat das mit Fußball zu tun? 
Doch der Schiri lässt nicht mit sich reden. Verbale Angriffe wiegen weniger schwer als körperliche. Mit tränenden Augen geht Zizou auf die Katakomben zu. Er streift die Kapitänsbinde vom Ärmel, behält sie einen kurzen Augenblick in der Hand und wirft sie schließlich auf den Rasen. An der Trophäe vorbeischreitend, die sehnlichst darauf wartet, dem Kapitän der Siegermannschaft überreicht zu werden, würdigt er sie keines Blickes.

Später wird man sagen, der Kopfstoß Zidanes sei die Szene des Endspiels gewesen. 

Sofie Lichtenstein ist Autorin und Herausgeberin. Aktuell schreibt sie an ihrem ersten Roman.

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