Netzwerkstatus disconnected. Ein Text von Julia Knaß

L. schreibt: Ich will mich mit dir verbinden! Accept my request!

S. schreibt: Du hast eh nur 2 Emotionen, Lisa: weinen und nicht weinen.

T. schreibt: Lisa, wie connected bist du?

Weinen ist für Lisa wie atmen, aber sie vergisst manchmal, zu essen und sie vergisst manchmal auch Sex, zb für fünf Jahre. Ihre Bedürfnisse schwanken über ihre Gefühle wie über eine morsche Hängebrücke bei Regenwetter. Alles verrutscht andauernd in ihr, alles verfällt und bevor sie es schafft, angemessen zu reagieren, und zb auszuweichen oder sich festzuhalten, befindet sie sich erneut im freien Fall. GAME OVER. REPEAT. Deswegen versucht Lisa, schneller zu werden und geht regelmäßig laufen. Ihre Therapeutin würde das Fortschritt nennen, Lisa nennt es: über Gefühle hinweglaufen. Sie hat schon hunderte Kilometer zwischen F. und sich selbst gebracht. Emotionale Distanz 10.000 hat sie sich vorgenommen. Dann kann F. ihr ruhig weiterhin schreiben oder ständig in ihrem Leben aufpoppen wie Cookies im Internet. Außerdem bekommt sie beim Laufen im Gegensatz zu zb Sex mit fremden Körper öfter einen Orgasmus. Wenn sie läuft, hört Lisa am liebsten die Playlist von ihren Lieblings-Ex, weil die so schön sind. Sie versteht nicht, warum die meisten nicht mögen, Songs mit Ex-Lovers zu verbinden, weil sie ist süchtig nach dem Zustand, einen Song zu hören und sich exakt genau so zu fühlen, wie sie sich mit F. oder mit H. oder mit M. gefühlt hat. In den Songs auf ihrem Handy sind Beziehungsweisen abgespeichert, die sie jederzeit abrufen kann, wenn sie sich verbunden fühlen will.

T. schreibt: True love!!!

S. schreibt: Don’t mistake her co-dependancy for love.

Lisa liebt ihr Handy mehr als andere Körper. Sie weiß zb, es würde sie mehr Überwindung kosten, ihr Passwort für ihre Social-Media-Accounts herzugeben als sich nackt vor jemanden auszuziehen. So intim wollte sie noch nie, auch nicht mit K., der ihren Körper gut kennt. Und sie kennt seinen: Ihre Finger, die über seinen Schwanz; ihre Finger, die über ihr Handy usw. Das Handy desinfiziert sie regelmäßig, weil es immer bei ihr ist. Wenn sie masturbiert zb, hält sie es in ihrer linken Hand, weil sie es am liebsten zu Text macht. Word Porn. Food Porn. Milch, Eier, Zucker, Zitronen, Ingwer. Was würdest du dir wie wohin usw. Als K. Lisa gefragt hat, ob sie vor K. masturbieren würde, hat sie zuerst gezögert, ja. Weil sie nicht wusste, ob ihr das nicht doch zu nah ist usw. Aber dann hat sie, nur ohne ihr Handy. Text im Kopf, Text im Körper, enden im Kopf, enden im Körper. Lisa kann sich in maximal 30 Sekunden zum Höhepunkt bringen, wenn sie es will. Was sie braucht: den richtigen Text, den richtigen Druck. K. hat danach gemeint, sie hätte schneller geatmet, als sie gekommen wäre, aber Lisa denkt nicht, dass ihr Orgasmus nach außen hin erkennbar ist. Sie solle doch mal lauter sein, haben viele Ex-Lovers von ihr gefordert, wenn doch zu kommen für sie tonlos ist. Warum sollte sie für jemand anderen schreien, wenn sie doch nur die Stille atmen will. K. jedenfalls hat ihr danach, Ingwertee und Pfannkuchen ans Bett gebracht. 

T. schreibt: Moment!! Ich dachte, du kannst das gar nicht: KOMMEN, LISA??

S. schreibt: It’s oh so quiet. 

Lisa hat sich im Schlaf ihr Kopfhörerkabel um den Hals gewickelt, weil sie nie ohne fremde Stimmen im Ohr einschlafen kann. K. atmet gleichmäßig neben ihr, sie fühlt sich verletzbar. Sie rollt sich auf ihre linke Seite und blickt in den Bildschirm. S. ist immer in ihrem Handy, eine Nachricht entfernt. Sie wacht regelmäßig zu den Sätzen von S. auf, zb zu „Du fühlst dich so weit weg von mir, Lisa“ und 14 weitere, 2 Screenshots, 1 GIF. Lisa antwortet: „Ich wollte dir gestern 1 Mail schreiben, aber ich hab es nicht geschafft.“ Sie schickt ein Video von Baumkronen, die sich im Wind bewegen, aber nie berühren. Shyness of the Crowns. Und eine Sprachnachricht davon, wie K. neben ihr atmet und wie sie selbst atmet. Lisa schreibt „erkenn mich!!!“ darunter. „wir (Symbolvideo)“, zitiert S. die Bäume. Dazwischen liegen 10 Stunden und 10.000 Sachen, die Lisa macht, damit die eine Sache (S. vermissen) weniger weh tut. GIFS von Quallen im Internet anschauen. Lohnarbeit. Mit K. ficken. Die Kissenbezüge der Couch waschen. Den Müll runterbringen. To-Do-Listen abhaken. Sie nennt das auch: Gefühle wegmachen.

T. schreibt: Post-it til you make it!!!

S. schreibt: Ich werde irgendwann aufhören, dir zu schreiben, Lisa.

Lisa weiß nie: Ist sie krank, überarbeit, traurig, verängstigt, hat sie Liebeskummer oder ist das einfach schon wieder ALLES auf einmal usw.? Sie versucht, ihre Gefühle in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen wie ihre meist verwendeten Emojis auf ihrem Handy. Lila <3. Sie weiß schon, wen sie liebt, wen sie begehrt und warum, aber nicht wie sie lieben will, wie sie will, dass ihre Beziehungen sich verbinden. Sie kann auch nie einschätzen, ob eine andere Person sie begehrt, ob eine andere Person sie will und in welcher Form – sie weiß auch nie, will sie berühren, ficken, gemeinsam kochen, eine Sandburg bauen oder das ALLES auf einmal usw., aber sie weiß sehr genau, dass sie darüber reden will, dass sie das konkretisieren will, ob das Freundschaft ist, ob das Liebe ist, ob das ein Unterschied ist. Wo ist die rote Linie, von der alle immer sprechen, sieht sie sie nicht, weil sie sie schon längst überschritten haben oder weil es sie nicht gibt, ist das zu einfach, ist das zu schwierig. Sie tippt in ihr Handy, „Ich denke, wenn wir uns jetzt sehen könnten, würde ich dich fragen, ob ich dich küssen darf.“ Sie schreibt, „Ich will dich, aber ich weiß nicht in welcher Form. Oder ich weiß manchmal nicht, ob ich mehr dich will oder dein Love Interest oder euch beide. Wie siehst du das? lila <3.“ Sie sendet die Nachricht an S. 

S. schreibt: … zur Verwirrung, hier meine Interpretation der Sache …

T. schreibt: Du leidest an romantischer Paranoia!!!

Lisa ist gut mit Gefühlen und schlecht mit Namen. Sie verwechselt kaum ein Gefühl mit einem anderen, aber sehr häufig Namen. Meistens denkt sie statt allen anderen Namen einfach T. Sie ist aber eh nicht die einzige, der es so geht, zb. vertauscht ihr Handy immer „mein“ mit M. Immer wenn sie „mein“ tippt, schlägt ihr Handy zuerst M. vor. M. Arbeit, M. Leben, M. Texte. Meine Arbeit. Mein Leben. Meine Texte. Lisa hat ihrerseits keine besonders starke Verbindung zu ihrem eigenen Namen, in 50 % der Fälle dreht sie sich nicht mal um, wenn jemand sie ruft. Deswegen stört es sie auch nicht, wenn Personen einfach andere Namen zu ihr sagen. Caro. Julia. Laura zb. Ihrer Therapeutin erzählt sie davon nichts, weil sie in der Therapie sowieso nur 20 % der Sachen erzählt, die sie sich denkt oder die sie beschäftigen, aus Angst, dass man sie sonst gleich mal einsperren würde. Da erzählt sie dann doch lieber wirre Träume, von Algen, Aalen, Salzwasser und Sand. Ihre Therapeutin fragt sie, ob sie sich oft einsam fühlt. Und Lisa sagt, nein, eigentlich nicht. Später beim Heimfahren schaut sie auf ihr Handy, das nur mehr wenig Akku hat und denkt: In 10 Prozent bin ich allein.

T. schreibt: Ich habe gehofft, dass du das mit meinem Namen schreibst.

S. schreibt nicht. [offline]

Lisa fühlt einen Stich, dort wo ihr Herz sein sollte und denkt, wenn S. mir jetzt nicht antwortet, wenn S. jetzt nicht online ist, mit wem fickt S. dann gerade.

L. schreibt: Ich will mich mit dir verbinden! Accept my request!

Julia Knaß ist Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift mischen, lebt und schreibt in Graz. Auf Twitter ist sie hier zu finden.

Weitere Texte von Julia Knaß:
Antworten, nur symbolisch von Julia Knaß

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