MANCHMAL. EIN TEXT VON ISABELLA FEIMER

1

wir zählen die Blätter, die der Lindenbaum verliert. vor unserem Fenster steht er. der Herbst naht. das zählen wir. es sind stille Tage. sie sagen nicht viel. sie vergehen, während unsere gemeinsame Zeit innegehalten hat. die Uhren um uns herum haben wir lange nicht aufgezogen.

ihr Ticken wäre ein Geräusch, das Vergangenheit erzählt. Kindheit. als wir Kinder waren, konnte Zeit nicht schnell genug vergangen sein.

manchmal, wenn das Fenster offen ist, weht es ein Blatt auf den Parkettboden. Kratzer und Kerben hat der Boden. er gehörte neu eingelassen. das Blatt ist ein Fremdkörper, der die Stille miteinander irritiert. für Augenblicke bringt er die Form durcheinander, in der wir uns gefunden haben. unseren Stillstand, der uns Bewegung ist. eine Backform, in der Kuchen goldbraun und flaumig wird.

2

manchmal zählen wir die Blätter auf dem Tischtuch. Efeublätter sind es, die sich ineinander ranken. ein Muster, das sich alle paar Zentimeter in die eine wie in die andere Richtung wiederholt. auf groben Stoff gedruckte Unendlichkeit, immergrün und nicht in Jahreszeiten.

auch Jahreszeiten zählen wir. zählen sie auf. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. wir zählen auf und wiederholen. steigern mit jeder Wiederholung unser Tempo, bis einer von uns zu lachen beginnt. das Lachen gehört zur Stille dazu, zu unserer Regungslosigkeit, für die wir uns entschieden haben.

manchmal verirrt sich ein Außen in unsere abgeschlossene Welt. nicht nur in Form eines Lindenblatts. manchmal ist es ein Klopfen an der Tür, das unserem Nicht-Bewegen einen Ruck gibt und uns zusammenschrecken lässt. manchmal auch ein Telefonanruf. das, was Welt ist, hat uns noch nicht ganz vergessen.

3

wir öffnen keine Türen und beantworten keine Anrufe. Wir heben die Blätter vom Parkett und lassen sie zurück in ihr Draußen fliegen. wir hören auch den Wind nicht, wenn er durch die alten Mauern knarrt. die alten Mauern beschützen uns. wir zählen auf sie.

wir tasten die Mauern ab. wollen uns sicher sein, dass sie keine weiteren Risse bekommen haben. manchmal ist der Wind ein Sturm, gegen den nichts standhalten kann. stürmt es, werden wir erinnert.

an Kindheit und an ein Danach, als sich Kindheit aus unseren Körpern wuchs. mit den Jahreszeiten. damals zählten wir sie nicht. unser Damals war immergrün.

4

manchmal will ich mich bewegen, nur das Stückchen aus den alten Mauern. nur kurz den Blick in das Draußen richten. der Körper würde folgen, ein bis zwei Schritte in die Welt. in den Herbst, der nicht mehr Jahreszeit, nein, ein Zustand ist. so wie das Immergrün. so wie die Kuchenform.

ich würde Welt einatmen. ich würde Frischluft spüren, und wie sie sich in die Haut krallt. meine Haut ist trocken. morgens juckt sie mich in den Tag, abends in den Schlaf. wir schlafen unter getrennten Decken. unter der Decke kratze ich mich. ich glaube, du schläfst dann bereits.

vielleicht würde ich meine Augen schließen. draußen in der Welt. das habe ich schon einmal getan. das war kurz bevor wir uns für die Nicht-Bewegung entschieden haben. den Stillstand, auch in unseren Herzen. mittlerweile sind auch unsere Herzen trocken.

5

draußen würde mir schwindeln. mit einem ersten Schritt in ein Draußen käme die Übelkeit zurück. mit einem weiteren Schritt würde ich das Gleichgewicht verlieren. jeder Sturm hätte leichtes Spiel mit mir, und dich hätte ich verraten.

ich zähle Lindenblätter. das mache ich laut, damit ich dir nicht erzählen muss, woran ich gerade gedacht habe. Verrat. du stimmst ins Zählen mit ein. dann lachen wir. ich fühle mich wohl in unserer Stille. manchmal im Herbst.

der Wind hat sich gelegt. das Haus ist still. der Lindenbaum ist still. kein Blatt bewegt sich. Herbst, Winter, Frühling, Sommer zählen wir, und unsere Nägel klopfen auf den Tisch. das Tischtuch. das Efeumuster hat sich ein Stück weiter in sich selbst verstrickt.

Isabella Feimer ist Schriftstellerin und lebt in Wien. Im Frühling 2021 erscheint ihr neuer Gedichtband „American Apocalypse„.

Der Text „manchmal“ ist erstmals in Mischen #3 im Oktober 2019 erschienen.

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