Isoliertes Wesen. Ein Text von Sonja Seidl

Ob er ein Vampir sei, fragte ich, ihn mit meinem Blick dabei verfolgend, wie er mit einer Papiertüte in der Hand vorbeiging, draußen. Ganz in Schwarz. Daran lag es aber nicht. Er begab sich auch ins Tageslicht mit einer Regelmäßigkeit, die daran zweifeln ließ, dass er vampirischen Wesens (Stoker zufolge macht Licht gar nicht so viel aus, es schwächt nur ein bisschen). Sonst begegnete ich ihm meist in Sitzungsräumen. Mit an die Wand genagelten Kreuzen schien er ebenfalls zurecht zu kommen (vielleicht wurde das eine oder andere gelegentlich abgehangen oder auf den Kopf gedreht). Möglich, dass Vampire weniger empfindlich auf diese äußeren Reize reagieren, wie angenommen; weil sie sich angepasst haben, integrierte Existenz.

Und in der Papiertüte, fragte man mich, der war doch als Vampir nicht beim Bäcker. Darin hatte er sicherlich seine Blutphiolen. Mein Blick war am Fensterrahmen hängen geblieben, dort, wo er aus dem Bild verschwand. Ob er sich an Ort und Stelle in eine Fledermaus oder einen Wolf, man sagt, die verwandeln sich auch in Wölfe, vor Wölfen fürchte ich mich.

In der Wikipedia steht, Vampire hätten Angst vor fließendem Gewässer und könnten es nur bei einer Zeitenwende überqueren. Ich erinnere mich, ihm einmal auf einer Brücke begegnet zu sein. Er trug eine Aktentasche. Das Wasser unter seinen Füßen, es machte ihm nichts aus.

Außerdem sollen Vampire Wände hochgehen können. Noch nie ist mir jemand begegnet, der das kann, aber wenn er es täte, es würde mich nicht wundern. Er ist ganz bestimmt Vampir.

J. schrieb mir: Glaube, dass das wahr ist, wenn man so etwas bemerkt. Sende ihm Knoblauch und Sonnenlicht im Umschlag und gucke, was passiert.

Und dann der Reiher, der über mir flog, im Dunkeln hoben sich Flügel von enormer Spannweite; das Majestätische verlor sich in seinen Kreisen, er war auf der Suche, zog Spiralen, Strudel; was hatte ihn aufgescheucht, fragte ich, ihn mit meinem Blick verfolgend, bis er hinter den kahlen Ästen verschwand.

Am Abend noch Niedergeschlagenheit ungewissen Ursprunges, sie war von magnetischer Schwärze, zog an mir, versuchte, mich einzusaugen. Nachts schreckte ich aus dem Schlaf und für eine Sekunde sah ich sie im Raum, aber es war nur ein Täuschung.

(J. schickte mir einen Youtube-Link mit Anleitung zur Vampirwerdung [no biting!]. Freitagmitternacht vom Fenster aus moonlight draw me in. Erst da wurde mir klar, dass ich zuvor schon nachts am Fenster gesessen, im Schlaf aufgesprungen, träumend.)

Die einzige Verbindung zwischen mir und Vampir(werdung) war, wie ich bald bemerkte, die Angst vor dem Tod. Sie hatte mich seit Winterbeginn begleitet, die Angst vor dem Ende der Zeit, struggle with dealing, die Angst vor der Zeit, ihrer entropischen Beschaffenheit.

(Wenn er ein Vampir ist und auf Kreuz-Licht-Gewässer gar nicht so stark reagiert, dann – möchte ich das auch, in genau der Form, und alles, was mich zermürbt mit seiner Reizintensität, alles, und der Tod, das kann mir dann nichts.)

Im Dezember verbrachte ich Tage auf der Küchenbank und dachte über meine Angst vor dem Tod nach. Jonglierte die Gedanken, sie fielen, Panik, die Ungewissheit, die mit allem im Leben einfach so verbunden. Die Ungewissheit ist das Leben, sagte ich mir, und regelmäßig erreichte ich beim Nachdenken, das einem Dreiakter mit Spannungsbogen glich, eine Art Katharsis. Ich überlegte, wie man eine Epiphanie erlangt, fängt man sie ein, wie eine Erkrankung, aber dann war es doch nur Vormittagssonne, die schräg durch die Bäume fiel und mich plötzlich blendete. Der hundeartige Umriss bloß Bank

Die eine Nacht legte ich mir gegen die Übelkeit etwas unter die Matratze, um in 30-Grad-Neigung zu schlafen. Zweimal klappte mein Kiefer abrupt nach unten, ich wurde wach, fühlte mich wie auf einer Totenbahre, die schief stand; drohte zu rutschen, träumte vom Gesicht.

Ich vertrieb mir die Sterblichkeitsgedanken mit Hannah Arendt „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ und ihrer Theorie, die besagt, dass Menschenrechte und Volkssouveränität in ihrer Entstehung eng verwoben. Der Mensch habe sich kaum von Autoritäten, Bindungen, Ordnung losgelöst, die ihn umgaben, und sei nie vollkommen isoliertes Wesengeworden, das seine Würde in sich selbst findet.

Ob er ein Vampir sei, habe ich gefragt, und woher das Ich schon wieder kommt, ich schreibe über jemanden, der vielleicht ein Vampir ist, und lande doch bei mir. Mein Schreiben eine Schaukel, hin und her, und meine Füße streifen die kahle Stelle im Rasen, bis irgendwann alles ausgeschaukelt und ich stehe. Das Ich in meinem Schreiben, ich stoße mich von ihm ab, nehme Schwung auf, aber alles pendelt sich wieder ein bei mir.

Die Vampir-Person interessiert mich nur, setze ich sie in Bezug zu mir. Es geht um die Konstellation: Ich und das Andere, das Ich im Anderen, das Andere fällt auf das Ich. Wieder verhandle ich im Endlosmonolog, wie ich es in mich integrieren kann (identitätsmelancholisch). Das Saugen, das Fliegen, die mögliche Krankheit, den Tod. Vom Hund in die Hand beißen lassen, bis er verlängerter Arm ist. As in: Materialismus, Besitz. Besitzenwollen akzeptieren. Teil des Systems sein. Alles vergessen. (Und das Ich?) Und das isolierte Wesen? Auch nur eine Form von mir, faszinierte mich daher Arendts Gedanke? Mein Ich durchstreift Wörterketten nach Identitätsformen, die es sich anEIGNEN kann (anders im analogen Leben, wo es nicht imstande ist, sich anzueignen, nicht wagt, nach dem Raum zu greifen, der ihm entgleitet, glitschig vom Ultraschall-Gel; nur: hindurchsehen, schleierhaft erkennen). Hinter den Identitäten der nackte Versuch des Versteckens/Verkleidens. Ich stelle mir vor, wie es sich losbindet, die Würde in sich selbst suchend.

Während der Blutabnahme beim Arzt wird mir, als hörte ich es aus mir herausstürzen, ein leises Rauschen, das den Raum füllt.

Sonja Seidl lebt in Bayern. Sie twittert unter @f_tosse.

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