Freitag, der 13. – Johannes Finke über ein Jahr ohne Rauschen

Im vergangenen Jahr fiel der dreizehnte März auf einen Freitag. So weit, so schlecht. Es war für die Bravo Bar der letzte Abend im alten, vertrauten Gewand. Der Virus war bereits in der Stadt. Daran gab es keinen Zweifel. Patient Null kam aus Mitte. Alles klar. In dieser Nacht beschlossen wir, am nächsten Abend nicht mehr aufzumachen. Zu groß waren Angst, Unsicherheit und Unwissen. Mit dem nächsten Tag kam dann der allgemeine Shutdown.

Seitdem waren wir eigentlich nicht mehr da. Und sind es bis heute. Alles ist anders. Nach dem Shutdown noch der Versuch das Beste daraus zu machen. Ein paar Tische und Stühle auf der Straße. Zwei, drei Mal zaghaft im Innenhof feiern. Musik auf Zimmerlautstärke. Desinfektionsmittel am Eingang. Hinweisschilder auf die Maskenpflicht. Sperrstunde und Drinks-To-Go. Aber alles fühlte sich falsch an und alle fühlten das. 

Um es kurz zu machen: Die Bravo Bar hat im reduzierten Betrieb, unter Einhaltung der Hygieneregeln, nicht wirklich funktioniert. Genau genommen gar nicht. Das betrifft nicht nur die Art und Weise wie Staff und Gäste hier miteinander feiern, sondern auch die Räumlichkeiten, Umstände und Eigenheiten an sich. Es ist eng und stickig. Zwei Ventilatoren versuchen Nebel und Zigarettenqualm in Schach zu halten. Die Boxen sind laut, aber lausig. Die Musikauswahl eine Wundertüte. Es gibt nicht wirklich viel Sitzmöglichkeiten. Überall wird getanzt. Auch auf dem Tresen. Überall wird geraucht. Die Drinks sind stark, die Toiletten unisex und ständig belegt und das Personal zuweilen etwas eigen. Unsere Gäste wissen das. Es gehört alles zu den Gründen, warum sie zu uns kommen. 

“Hier, wo du strahlst” steht in geschwungenen Neonlettern an der Decke. Unsere Gäste halten sich jetzt seit fast zehn Jahren daran. Ohne sie wäre die Bravo Bar nicht der Ort, der er heute ist: Ventil, Anker, Wohnzimmer, Sauna, Therapie, Tinder. Doch ebensowenig funktioniert die Bar ohne das uns vertraute und für viele so fremdartige und faszinierende Rauschen dieser Stadt und den Rausch der Menschen, die darin leben, lieben und leiden und Berlin zu dieser diversen, bunten, progressiven und chaotischen Stadt machen, die immer wieder aufs Neue Abenteuer, Inspiration und Exzess verspricht. Fluch für die einen, Segen für andere.

Um zu funktionieren, um sie selbst sein zu können, um zum Strahlen zu bringen und um selbst zu strahlen, ist die Bravo Bar auf all das angewiesen. Auf Filmpremieren und Filmproduktionen, auf die Berlinale und die Fashionweek, auf Gallery Weekend, Theater und Preisverleihungen, auf das politische Leben, Kongresse, Festivals, Konzerte, Lesungen, Events und Vernissagen und auf die vielen Restaurants, Kneipen und Bars, in denen die Nächte, die bei uns ihr offenes, unerwartetes oder notwendiges Ende finden, ihren zumeist unschuldigen Anfang nehmen können. Wir wissen, dass wir ohne all das, ohne Rückkehr von Rauschen und Rausch, unsere Tür gar nicht erst aufschließen müssen. Aber wenn es irgendwann soweit sein sollte, die Menschen sich eine neue Normalität erkämpfen und anfangen die Nacht von der Stille zurück zu erobern, werden wir mit der Bravo Bar und all die anderen Läden, denen es so ähnlich geht, die so ähnlich denken, hoffentlich wieder Teil dieses Rauschens sein. Der schönste natürlich.

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