Criolo

criolo-bio

Normalerweise hab ich zu den hier erwähnten Künstlern schon irgendwelche Geschichten aus dem Mikrokosmos parat, die ich dann zum Besten gebe, obwohl sie niemanden interessieren. Dafür kennt man mich,dafür liebt man mich. Im Hinblick auf den brasilianischen Rapper Criolo bin ich hinsichtlich musikalischer Anekdoten jedoch eine Tabula Rasa. Nach Verzehr seines neuen Albums „Convoque seu Buda“ wurde mal wieder eins mehr als klar: lateinamerikanische Rapmusik hat nur wenig mit der Amerikanischen zu tun.

Seine poetischen Wurzeln sind die Salonkultur von São Paulo. Inzwischen ist Criolo einer der wichtigsten HipHop-Künstler Brasiliens. Anders als beispielsweise in der Entwicklung von Baile Funk in Rio wollten die Musiker in São Paulo puren HipHop machen – streng, ernst und politisch. Die hedonistische Partykultur von Rios Hügeln und Stränden passte nicht in ihre Betonwüste. In seinen Texten vergleicht Criolo seine Heimatstadt mit einem Blumenstrauß – mit vielen hübschen Blumen und doch sind alle tot. Oder er erzählt von einem Doppelmord in seinem Viertel, der die Polizei wenig interessiert. Criolo ist kein Schönredner – ganz im Gegenteil: Als Kind der Favelas legt er die Finger tief in Wunde und ist damit ein Sprachrohr derer, die es in Brasilien am härtesten trifft. Wenn er über Armut und soziale Kälte rappt, über Polizeigewalt, Drogenmissbrauch, täglichen Rassismus und die Ungerechtigkeiten einer boomenden Wirtschaft, die viele nicht erreicht, hören ihm die Menschen aus jeder Schicht zu. Die Vielfältigkeit der Texte und der Stile sowie die schöne Sprache Portugiesisch machen sein Album „Nó Na Orelha”, das auf Deutsch „Gehörknöchelchen” bedeutet, zu einem echten brasilianischen Hörvergnügen. Welchen der drei Knöchel im Ohr – Amboss, Hammer oder Steigbügel – er meint, ist leider nicht überliefert.

Das Album, das ganz unterschiedliche emotionale Höhen und Tiefen berührt, erinnert an diese Nächte, in denen sich die Leute versammeln, um gegen Angst und Vereinzelung, Traumatisierung und Verhärtung anzusingen und anzudichten. Wut und Härte wechseln sich mit anderen Stimmungen ab, Rhythmen und Einflüsse aus Afro-Funk, Samba, Dub, Jazz und Orchestermusik fließen wie selbstverständlich in die Songs, in denen Criolo die Sensibilität seiner Stimme voll entwickelt. Nicht selten steht da die sanfte, beschwingte Melodiösität im Kontrast zu den Texten der Songs.

Das sollte eigentlich alles Motivation genug sein, das Gretchen (das nebenbei mal wieder vorzüglichen Geschmack in Sachen Künstlerauswahl zeigte), zu stürmen und etwas brasilianischen Flair in die steifgewordenen Glieder Einzug halten zu lassen.

24.1., Criolo, Gretchen, Beginn 20.30

Alle Infos und Tickets findet ihr hier

(YB)