Das trunkene Schiff

In Vermissung des Nachtlebens und einer gerade stattfindenden Wiederannäherung an das selbige, veröffentlichen wir an dieser Stelle regelmäßig Texte aus der 2017 erschienenen und so gut wie vergriffenen Veröffentlichung „Nutzloses Gesindel – Geschichten aus dem King Size“. Den Auftakt macht Philosoph und Katastrophenforscher Udo Tietz mit seinem Text vom trunkenen Schiff. Must read!

Caro Katz

WENN ICH UNS. EIN TEXT VON CARO KATZ

Wenn ich uns ordnen will, dann schlage ich die Metallschnalle mit den Fingern links zurück und öffne deinen Schrank. Darin ordne ich alles, was hervorquillt wie ein aufgehender Teig. Ich will meine Hände drin versenken, möchte kneten und reißen, möchte SPÜREN. Die Gegenseite und durch sie, mich. Du bist das Gefühl, das mir deine Sachen geben.

Michelle-Francine Ulz
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I ONCE FUCKED THEM ALL: ÜBERNACHTUNGSMÖGLICHKEITEN. VON MICHELLE-FRANCINE ULZ & JULIA KNAß

Ich bin 18, du bist ein Staubkorn. Ich habe seit drei Tagen nicht geduscht, meine Haare sind vom Sand verklebt, ich trinke jeden Tag eine halbe Flasche Wodka und Bier, wir schlafen in Zelten und ich halluziniere zwischen Konzerten auf meiner Isomatte, dass neben mir eine Orgie stattfindet. Dich treffe ich bei irgendeinem Konzert am letzten Tag, ich weiß nur, wir ficken im Zelt von einer fremden Person und dann hinter irgendeinem Gebäude, ich weiß auch das nicht mehr wirklich, nur dass du mir deine Nummer gegeben hast, die ich nie gewählt hätte.

SEX & PERSPEKTIVE. TEIL EINS. VON SARAH BERGER

Gleich ruft sie: „Kommst du!“ Am Fuß der Treppe haben sich unter den fünfzehn Paar Schuhe kleine braune Pfützen gebildet. Keine von uns hat mit Schnee gerechnet. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann es das letzte Mal geschneit hat. Es muss schon einige Jahre her sein, wir waren überrascht und die Schuhe nass. Das Schmelzwasser unter den Solen verteilt sich langsam auf den Kacheln. Es ist grundsätzlich schwer, Flüssigkeiten zu trennen. Mit dem Mund geht es, wenn ich einfach die Lippen schließe. Ich bleibe verschlossen

Caro Katz
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Reise ins Ausland. Ein Text von Caro Katz

Die Heizung pustet mir viel zu warme Luft ins Gesicht. Ich denke, ich müsste ersticken. Wie das Ding auszuschalten ist, erklärt sich mir nicht. Dann kommt der Einfall, den Kopf aus dem Fenster zu strecken. Ich tue es so gut es eben geht, um währenddessen nicht von der Fahrbahn ab zu geraten. Dabei gebe ich etwas mehr Gas, um mit der Maschine die auf der Fahrbahn schwirrenden Nebelschwalle in großen Löchern zu durchbrechen. Mein Kopf fliegt.