Brot und Beherrschung. Von Katharina Peham

Als er entlang des Hafendammes marschierte, sah er, dass der Mond den ganzen Tag nicht untergangen war. Er stand klar und groß am Himmel, die Sonne beleuchtete ihn. Zunehmender Halbmond, bald würde Vollmond sein und die Hafenstadt an der Elbe die ganze Nacht anleuchten und viele Menschen nicht schlafen lassen. 

Die Menschen waren in einem Zeitalter angekommen, in dem die Dinge längst nicht mehr beherrschbar waren, auch wenn man versuchte, den dreiköpfigen Drachen aus Wirtschaftsinteressen, Kapitalismus und Egoismus zu besiegen. Man hatte sich leider geirrt, dass der Mensch immer Fortschritte machen würde, sofern er nur dazu bereit wäre. Man tendierte in diesen Zeiten, wenn, dann zum Vernunftoptimismus, ein letzter Rest, der das rasende Tempo der weltlichen Entropie noch aufhalten könne, wenn die Raison einsetzen würde. An dieser Raison hielten sich die letzten Menschen fest, die sich als denkfähig und gebildet einschätzten und sofern ihnen möglich, in ihren kleinen Lebensbereichen den Normalzustand herzustellen versuchten. Der große Rest erwärmte sich an Eigeninteressen wie am Lagerfeuer, das sie bereits als Kind schon geliebt hatten und jetzt nicht mehr missen mochten. Sie grillten ihr Geld wie damals Stockbrot und Würste und verbrannten sich nur bei Unachtsamkeit die Finger. 

Es stellte sich ohnehin die Frage, ob Kritik und Mündigkeit noch Tugenden des 21. Jahrhunderts waren, ob sie nicht längst abgenutzt waren wie alte Kleidung, die nicht mal mehr als Vintage durchgehen konnte. Er war sich sicher, dass es nun in Mode war, die Nutzbarkeit in den gegenwärtigen Dingen zu sehen und auch seinen Alltag danach auszurichten. Neben seinen beruflichen Tätigkeiten, die ihn nicht sonderlich ausfüllten, suchte er eine Beweisgrundlage für den Sinn seines Lebens, in dem er sich in der großen Welt verortete. Dies sah er in allererster Linie in der Objektivierung seines Inneren verankert. Was konnte man schon am Äußeren großartig ändern? Sein Gesicht war die Summe der Genetik, die ihm seine Eltern wohl oder übel mitgegeben hatten. An schlimmeren Tagen fand er, dass sich das Übel mehr abgezeichnet hatte als das Wohle, aber er war ein nullachtfünfzehn Mensch mit einer Vorliebe für dunkles Brot, das er in seinen Urlauben am Meer schmerzlichst vermisste. 

Sein restliches Gebilde, das er nicht Körper nennen wollte – das erinnerte ihn zu sehr an Mathematik – war wohlbeschaffen, er entsprach der Normalverteilung, auch das hätte ihn gestört, wäre es ihm bewusst gewesen. 

An langen Spaziergängen am Sonntag suchte er das Wahre, Reine und Schöne und fand in den meisten Fällen bloß Abfall und laute Menschen, die sich in der Sonne aalten und ihre Bedeutsamkeit in der Entspannung suchten. Gestresst waren die meisten Menschen heutzutage. Es entsprach der Do-it-yourself-Bewegung, DIY-Stress und zum Ausgleich dann DIY-Detox, alles, was seiner Meinung nach die Maschinerie weiterhin am Leben hielt. 

Die Sterne standen schlecht dieser Tage in der Hansestadt. Sie wackelten am Firmament und schienen bei der Grausamkeit, die die Menschheit Woche für Woche an den Tag legte, nur noch heller als Mahnmal. Jedenfalls sah er das so. Wenn es etwas Reines und Schönes gäbe auf der Welt, das nie einer Änderung bedurft hätte, so wäre es in seinem Verständnis immer die Natur gewesen. Er war kein Mensch der Natur, des Waldes, Thoreau hatte ihn sogar gelangweilt und zudem war er Menschen gegenüber generell skeptisch gesinnt, deren Bücher als Bibel galten. 

Wenn es etwas Reines und Schönes gäbe auf der Welt, das nie einer Änderung bedurft hätte, so wäre es in seinem Verständnis immer die Natur gewesen.

Sein Verständnis reichte trotzdem an den meisten Tagen nicht dafür, warum die Natur Menschen hervorbringen vermochte, die einander so grausam gesinnt waren. Ihm fiel die Zeitung von letzter Woche ein: Obdachlose angezündet, Bettelverbot, sexueller Missbrauch, Brand vorm Frauenhaus, wieder viele Menschen ersoffen, mare nostrum, unser täglicher Brot gib uns allen und vergib uns unsere Unberechenbarkeit. Er musste sich beherrschen, um seine Gedanken nicht laut auszuspeien, zu lachen, sich das Gesicht zu zerkratzen, seine gesamten Zähne auf den Boden zu spucken, der ohnehin nicht mehr viel wert war. Er besaß nur mehr den Boden, auf dem er augenblicklich stand, ihm gehörte die Welt immer nur in Augenblicken. Früher war sein Besitz größer gewesen, da hatte er eine Doppelhaushälfte in Wandsbek besessen, auch Frau, Kind, Hund und ein paar Bäume. Eine Scheidung vor Jahren und mehrere persönlich selbst hervorgerufene Lebensnotlagen beförderten seine Person in eine Mietwohnung nach Lurup, schlechte Verkehrsanbindung, Problemviertel, wobei er sich als größtes Problem empfand.

Das war seiner Logik nicht im Geringsten widersprechend. Er hatte die Begriffe über sein Lebenswerk für sich verortet, er hatte darüber Urteile gefällt und war zu dem Schluss gekommen, dass es sich für ihn nicht sonderlich auszahlen würde, zivil ungehorsam zu sein und eine Revolution anzuzetteln. In jungen Jahren hatte er davon geträumt, zu studieren, dort ein Blatt zu gründen, das die Gedankenwelt der Studierenden und Lehrenden gehörig verändern würde. Dann hätte er genug Bedeutsamkeit, die Welt zu stürzen, ohne dem Wahn zu verfallen, zu herrschen und beherrscht von der Macht zu sein. Es waren mittlerweile drei Jahrzehnte vergangen und er hatte sich jeglicher Kraft in seinem Leben gebeugt. Das Kämpfen war ihm immer schwergefallen, lebenslang und er wusste, dass sich das jetzt, da ihm bereits schwere Einkaufstüten die Wirbel herausdrückten, nicht mehr ändern würde.

Er kramte in seinen Taschen, die altes Brot beherbergten. Nur ein paar Schritte musste er noch machen, dann wäre er an der kleinen Alster angelangt und konnte seinem sonntäglichen Ritual nachkommen. Seit seiner Trennung hatte er die Marotte entwickelt, Brot für die Schwäne einzupacken, die das heimliche Wahrzeichen der Stadt geworden waren, da konnte kein auf Schulden gebautes Gebäude mithalten. Als er endlich angekommen war, begann er schon in den Taschen, das Brot zu zerkrümeln und dann vorsichtig auf die Erde fallen zu lassen. Im Gegensatz zu anderen Menschen hatte er keine Angst vor Schwänen. Vor Monaten hatten sie ihn noch in die Beine gezwickt, mittlerweile unterließen sie dieses Verhalten und betrachteten ihn mit eingehender Skepsis. Im Gegensatz zu Menschen konnte er Tiere gut leiden. Man brauchte ihnen keine Letztbegründung abzuliefern, warum man sich so oder anders entschieden hatte. Sie fragten nicht, wie es einem gehe, obwohl man seine Gefühle noch nicht verortet hatte oder was man so vorhabe, wenn man durch den Tag treiben wollte. Er fand Schwäne in vielerlei Hinsicht faszinierend. Sie waren auch Einzelgänger.

Seine letzten wirklich guten Empfindungen waren Jahre her, vielleicht auch schon Jahrzehnte. Er genoss es, wenn ein plötzlicher Sturm aufzog. Angenehm war das, seinen Sinnen verschaffte das passable, nicht unangenehme Empfindungen. Der Sturm verlangte nicht nach ständiger Selbstoptimierung. Man wusste: Was früher einmal gereicht hatte, reicht nicht mehr unbedingt für die Gegenwart und schon gar nicht für die Zukunft. Gegenwart ist Kampf, Zukunft ist Krieg. Er kauerte sich in seinen Mantel, eine schlechte Montur für Kampf und Krieg, für das bisschen Brot, das seine Beherrschung in den Taschen verloren hatte und in tausend Teile zerbröselt war. 

Er wollte nicht mehr, er sah es sich selbst nur nicht so an. Menschen, die nicht mehr wollten, hatte eine verneinende Miene, sie sahen aus wie durchgedrücktes Papier, das durch den spitzen Bleistift dieser Selbsterkenntnis solange malträtiert wurde, bis dieses Papier unbrauchbar wurde. Sein Gefühl sagte ihm, er sollte vielleicht zu sprechen aufhören oder ein paar Kilometer westwärts ziehen, nach Cuxhaven, 1 Stunde 38 Minuten fahren. Den Tod mit einem Zugticket um 23 Euro feiern, oder die Flucht aus dem Alltag. One way ticket to the blues. 

Ob Zehntausendachtzig Personen keinen Sinn in ihrem Leben sahen oder Zehntausendeinundachzig war dann schon egal, sie halfen dem Staat sparen. Zehntausendeinundachzig-mal weniger Unterstützungen in Form von sozialer Sicherung und persönlicher Sicherheit. Zehntausendeinundachzigmal weniger Aufwendungen für Bildung und Gesundheit, ebenso dezimieren sich die Ausgaben für Sport, Kultur und Freizeit und natürlich Verteidigung. Dem Staat müsse jeder Suizid günstig gelegen kommen eigentlich, sofern sich alles die Waage halte. Einnahmen-, Ausnahmengleichgewicht, Nulldefizit, Milchmädchenrechnung. Davon redeten sie ja immer. Schön inszeniert, Sprache in Geschenken gepackt, auspacken taten Menschen schon immer gerne. Daher sagt man vom Gesagten: „Es gefällt.“ Nein, man sagt: „Es vergnügt.“

Dem Staat müsse jeder Suizid günstig gelegen kommen eigentlich, sofern sich alles die Waage halte.

Er war alles andere als vergnügt bei den Tendenzen, die das Leben neuerdings so nach sich zog. Tendenzen, die er beim besten Willen nicht hätte ahnen können. Die Fahrpläne waren in ihren Tendenzen immer sehr erfreulich. Sie waren vorhersehbar und zumeist pünktlich. Er lief zum Jungfernstieg, das grüne S immer fest im Blick.

Aus Mischen 1. Die aktuelle Ausgabe des Grazer Literaturmagazins gibt es hier. Katharina Peham lebt in Niederösterreich und twittert unter @katkaesk

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