EIN GESPENSTERBRIEF. EIN TEXT VON JESS TARTAS

Mein liebes Gespenst,

wie geht es dir im Dazwischen? Seitdem es losgegangen ist, du weißt schon, diese Sache seit Januar, März, fühle ich mich dir so nah wie nie. Meine Tage sind Hüllen, in denen ich erwache und zurechtfinden muss; ich stelle mir mein tägliches Erwachen wie frische Gespensterkleidung vor. Ein Laken, das mir jeden Morgen von einem unsichtbaren Wesen übergeworfen wird und in dem ich mich fortan befinde.

Ich öffne meine Augen, eigentlich sähe ich die Wände, dunkelblau und etwas pudrig, und hellbraun wie der Stiel einer jungen Marone. Aber ich sehe nur das Morgenlicht und wie es durch mein neues Kleid scheint wie durch geschlossene Augenlider. Ich atme ein, ich atme aus. Atmen Gespenster noch? Ich will es nicht annehmen. Ich jedoch muss atmen und ich tue dies, solang ich kann. Woran bist du eigentlich verstorben?

Dereinst werde ich wohl von einem Baum erschlagen, nichtsahnend. Ein bedeutender Schriftsteller kam so um, ich habe seinen Namen vergessen. Wie schade an dieser Stelle. Jedenfalls werde ich spazieren gehen oder auf dem Weg zu jemandem sein. Den vorigen Tag wird es gestürmt haben, nicht dramatisch, aber ausreichend, um die Birken zu schwächen. Eine von ihnen wird ungünstig fallen und mich treffen und niemand wird es bemerken, denn meinen Weg kennt nur noch der Förster. Wann geht er dort schon lang? Ich denke, eher selten. Wenn ich mein Grab im Wald gefunden habe, wird mein Laken moosgrün sein. Also, sag es mir bitte, wie bist du zu deiner Farbe gekommen?

In letzter Zeit gehe ich vornehmlich abends und nachts spazieren und seit drei Wochen überkommen mich Weihnachtsgefühle, weil es so still draußen ist. Dich habe ich bisher noch nicht getroffen. Wir sollten uns einmal verabreden und sagen wir, eine Uhrzeit wäre besonders gut geeignet. Es wäre wohl um Mitternacht. Am Waldrand gibt es einen Eingang, von dem aus gehen drei Wege ab. Wir könnten, wenn wir mutig sind, linksherum und wenn wir müde sind, direkt in den Wald hinein gehen. Das ist dann der mittlere Pfad. Aber halt, gehst du überhaupt oder schwebst du? Ich stelle dir so viele Fragen, hoffentlich ist es für dich nicht unangenehm. Du bist mein erstes Gespenst. Bin ich dein erster Mensch?

Nun ist es aber genug, die Seite ist voll und ich muss die Türen fest verschließen, bevor die Sonne untergeht. Ich sende Grüße und lege dir für die nächste Zeit frische Wäsche auf die Fensterbank.

Jess

„Lange laut lachen“ ist die aktuelle Publikation von Jess Tartas und ist jüngst erschienen bei Sukultur.

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